Zum Tod von Henryk Baranowski

Ein weißes Taschentuch ist die ganze Zauberei

aus: Der Tagesspiegel
28.07.2013 17:37 Uhr
von Rüdiger Schaper

Eines Abends klingelte das Telefon. Ich sah mir gerade einen alten Film von Louis Malle an, „My Dinner with André“. Zwei Männer in einem Restaurant in New York, sie unterhalten sich über das Leben und das Theater, sonst geschieht nichts. Der Schauspieler und Dramatiker Wallace Shawn und der Regisseur André Gregory – sie spielen sich selbst. Gregory war lange Zeit im Ausland, hat die absurdesten Theaterworkshops erlebt, wie sie in den siebziger und auch noch achtziger Jahren vollkommen selbstverständlich waren; gruppendynamische Experimente, die in Weinkrämpfen und Epiphanien enden. Über allem schwebt der Heilige Geist der Performance, der damals den Namen des polnischen Theatervisionärs Jerzy Grotowski trug.


Es war vor ein paar Monaten, im April. Es war ein Anruf aus Warschau, ein Hilferuf. Mein alter Freund Henryk Baranowski wollte mich sehen. Er litt seit Jahren an einer schweren Krankheit, ein zweites Leiden war hinzugekommen. Drei Tage später saß ich im Berlin-Warschau-Express. Ich hatte lange vorgehabt, ihn zu besuchen, die Reise aber immer wieder hinausgeschoben.
Zum ersten Mal sind wir uns Ende 1981 in West-Berlin begegnet, zu der Zeit, von der Louis Malles Film erzählt. Henryk baute in Kreuzberg das Transformtheater auf, und mit ihm kamen damals viele polnische Künstler, die vor dem Kriegsrecht in ihrer Heimat flohen, die Wege fanden, hin- und herzufahren und einen künstlerischen Transfer von Warschau in den Westen organisierten. Schüler und ehemalige Mitarbeiter von Grotowski, von Henryk Tomaszewski, dem berühmten Pantomimen, Künstler, die mit Tadeusz Kantor gearbeitet hatten. Ich lernte den Reichtum der polnischen Weltliteratur kennen: Gombrowicz, Witkiewicz. Henryk arbeitete mit Jerzy Stuhr und Jerzy Radziwilowicz, die aus den Filmen und Theateraufführungen von Andrzej Wajda bekannt waren.
Polen, das war ein Kosmos, ein magisches Kraftfeld. Mit seiner Partnerin Bettina Wilhelm rief Henryk die Berliner Regieseminare für Film und Theater ins Leben. Zu den Dozenten gehörten Andrej Tarkowski, Ariane Mnouchkine, Heiner Müller, Robert Wilson und Krzysztof Kieslowski, der die zehn Gebote verfilmte. Im ersten Teil des „Dekalogs“ spielte Henryk die Hauptrolle, einen Wissenschaftler, der bei einem Unfall seinen kleinen Sohn verliert. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Der andere Gott war der Computer, die nackte Ratio eines Mathematikers. Henryk holte sie alle nach West-Berlin. Sein Bühnenbildner Andrej Woron gründete später mit großem Erfolg eine eigene Truppe, das Teatr Kreatur.
Henryk hat seinen Vater nie gesehen. Er war Geiger. Galizische SS-Männer haben ihn ermordet.
Von Henryk habe ich unendlich viel gelernt. Wir sind zusammen nach Sibirien gereist, nach Norwegen, ich traf ihn in London, besuchte ihn in Polen, als er das Transformtheater aufgegeben hatte und kreuz und quer durch die Welt inszenierte, zuletzt Oper. Ich habe insgeheim gelacht über seine esoterischen Verschwörungstheorien und seinen Schamanenglauben, aber es waren diese Wunderdinge und Wunderheiler, die ihn am Leben hielten. Im brasilianischen Urwald befreite ihn ein Magier von gesundheitlichen Problemen, allein durch seine Präsenz in einem Zelt, zu dem Hunderte, Tausende pilgerten. Ich habe von ihm gelernt, dass Freundschaft Treue bedeutet.
Der Zug braucht fünf Stunden, eine lange Zeit, um über alte Zeiten nachzudenken. Fünf Stunden sind nichts. Und dann sitze ich in Henryks Haus in einem Warschauer Vorort, die Sonne scheint. Zum ersten Mal seit Wochen hat er es aus dem Rollstuhl geschafft und eine längere Strecke auf Krücken zurückgelegt. Das Essen schmeckt ihm. Er erzählt, dass er für das polnische Staatsradio Hörspiele inszeniert, eine überschaubare Arbeit; zuletzt Ibsens „Wenn wir Toten erwachen“. Aber das ist nicht die Geschichte, die ihn umtreibt.
Einige Monate zuvor hat er einen französischen Psychoheiler getroffen, der ihm Tarotkarten legte. Der habe ihm die Augen geöffnet. Sprich mit deinem Vater, hat der Arzt gesagt, erzähl ihm von deinem Leben, erzähl ihm von dir und lebe nicht mit deinem toten Vater. Er braucht dich... Henryk hat seinen Vater nie gesehen. Sein Vater war Geiger. Galizische SS-Männer haben ihn im Zweiten Weltkrieg ermordet.
Am Abend verabschieden wir uns. Wir haben sieben Stunden miteinander verbracht. Es sind zwei glückliche Menschen, die sich umarmen. Sprich mit den Toten und den Lebenden. In Jaroslawl hat Henryk ein Jahr zuvor noch Shakespeares „Sturm“ inszeniert. Fahr nach Russland, ich organisiere das, sagt er. So war er immer. Hat irgendwo ein Theater aufgetrieben mit tollen Schauspielern. Fand einfache Bilder. Miranda, sagt er, geht mit einem weißen Taschentuch über die Bühne, das ist die ganze Zauberei. Ein weißes Tuch. Damit kann man Kapitulation signalisieren, winken, die Tränen abwischen, einen jungen Mann verführen...
Henryk ist müde. Mir schwirrt der Kopf. Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, was ich gesagt oder auch nur gedacht habe. Oder ob ich seine Gedanken hörte, die seinen geplagten Körper aufrichteten. Es lag etwas Magisches in seiner Gegenwart. Der Abschied ist leichtgefallen. Ich fühlte mich beschenkt. Wir haben uns noch einmal gesehen. Am Samstag ist Henryk Baranowski im Alter von 70 Jahren in Warschau gestorben.

© Christopher Martin

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