ET IN ARCADIA EGO: DIE INSPEKTION

Ausstellungen von

Roberto Paci Dalò, Lutz Dammbeck, Mella Jaarsma,
Götz Loepelmann, Qin Yufen

in Wohnungen der Erich-Kurz-Straße 9 und 5
Ausstellungszeitraum: 28. Januar bis 26. Februar 2006


In Zusammenarbeit mit der HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH


Heiner Müller hatte sich, um die Form für Leben Gundlings zu finden, intensiv mit Werken der bildenden Kunst beschäftigt. Umgekehrt wurde auch er zur Herausforderung für bildende Künstler. Nicht nur für solche, die für das Theater arbeiten, wie Robert Wilson, sondern auch für die bildnerische Arbeit von Künstlern wie A.R. Penck, Rebecca Horn, Jannis Kounellis, Magdalena Jetelovà oder Mark Lammert. Dieses Interesse, dieses Entzünden an der Sprache Heiner Müllers ist der Ausgangspunkt der szenisch-räumlichen Auseinandersetzung zu Leben Gundlings in Heiner Müllers ehemaligem Wohnblock.

Götz Loepelmann, in Berlin geboren, inszenierte das Stück bereits zwei Monate nach seiner Uraufführung. Es wurde bei der ersten Lektüre sein Stück und blieb es. Lutz Dammbeck, aufgewachsen in der DDR, hat sich in seinen Werken immer wieder auf Heiner Müller bezogen, besonders auf die Texte zu Herakles und den Nibelungen. Roberto Paci Dalò aus Rimini, 1993/94 als DAAD-Stipendiat in Berlin, entdeckte Heiner Müllers Texte während dieser Zeit. Sie wurden für ihn ein zentraler Referenzpunkt. Für die holländische Künstlerin Mella Jaarsma, die seit zwanzig Jahren in Yogyakarta auf Java arbeitet, und für die Künstlerin Qin Yufen aus Peking, die vor zwanzig Jahren durch den DAAD nach Berlin kam, ist diese Ausstellung die erste künstlerische Arbeit zu Heiner Müller.



GÖTZ LOEPELMANN
LEBEN Gs

Erich-Kurz-Straße 5, Wohnung 1306

Götz Loepelmann: „Ich möchte, dass alle Räume mit Packpapier behängt werden (Bahnbreite ringsum). Darauf werde ich, wie ein Sträfling in einer Zelle, meine Erinnerungen kritzeln, an Preußen, an Heiner Müller, an Kleist, an den Krieg, an meine Eltern, Berlin: alles in Schwarz, mit dem Pinsel gezeichnet, geschrieben, ‚wir siegen weil wir siegen müssen‘, kurzum alles, was mich mal gequält hat, gefreut hat, auf die Wand gebreitet. Mittendrin werde ich dann ab und zu aus meinem Drehbuch Der Stall lesen, mitten in diesem Irrenhaus.“

GÖTZ LOEPELMANN, Maler, Bühnenbildner, Theaterautor und Regisseur. Geboren 1930 in Berlin. Lebt in San Miguel de Abona, Tenerife.


LUTZ DAMMBECK
BE HERE NOW (Archivraum)

Erich-Kurz-Straße 5, Wohnung 1302

Collage aus Film, Video, Projektion, Text und konkretem Ort.
Erziehungskonzept „Preußentum/Antifaschismus + x“ versus Umerziehungskonzept „Systemtheorie/Kapitalismus + x“. Hier wie dort, dazwischen und mittendrin: der Künstler.

"Während des 2. Weltkrieges brachten wir Tauben bei, Missiles auf feindliche Kriegsschiffe zu steuern. Wenn wir das schon mit Tauben machen konnten, was konnten wir dann mit Menschen machen?" (Burrhus Frederic Skinner)

" Die einzige Legitimation der DDR kam aus dem Antifaschismus, aus den Toten, aus den Opfern. Deshalb war der Sozialismus auch ein Hort der Langsamkeit, denn die Toten haben unendlich Zeit. Ab einem gewissen Punkt fing es an, zu Lasten der Lebenden zu gehen. Es kam zu einer Diktatur der Toten über die Lebenden." (Heiner Müller)

LUTZ DAMMBECK, Filmemacher und bildender Künstler. Geboren 1948 in Leipzig. Lebt in Hamburg und leitet als Professor die Projektklasse Neue Medien an der Hochschule für bildende Künste Dresden.


MELLA JAARSMA
AN UGLY SHOW TO WATCH - I AM THE WIDOW MAKER

Erich-Kurz-Straße 5, Wohnung 0706
Bildinstallation

„Friedrich: Eine Exekution. Ein häßliches Schauspiel. Er tanzt vor der Sächsin: Ich bin der Witwenmacher. Weiber / Zu Witwen machen, Weib, ist mein Beruf. / Ich leer die Betten aus und füll die Gräber. / Lacht, läßt den Schleier fallen. / Jetzt kann sie mit sich selber spielen, Witwe /
Schüttelt sich / Bis sich ein neuer Bauch auf ihrem Bauch reibt. / Weint / Daß ich es sehn muß. / Hier. Mit diesen Augen. / Groß / Darf ich die Augen schließen, wenn mein Wort / Gewalt wird? Wär ich blind. Ah / Nimmt den Schleier auf und verbindet sich damit die Augen.
Sächsin: Armer König.“

MELLA JAARSMA, bildende Künstlerin. Geboren 1960 in Emmeloord, Niederlande. Lebt in Yogyakarta, Indonesien.


QIN YUFEN
DIE ROLLE DER GELIEBTEN

Erich-Kurz-Straße 5, Wohnung 0802
TextPassage

Qin Yufen: „In einer kleinen Wohnung, westlich von Beijing, die in den 70er Jahren gebaut wurde, lese ich ein Theaterstück von Heiner Müller.
Aus der Perspektive von Heiner Müller betrachte ich die Umgebung in Beijing.
Die Macht und der Markt bestimmen das Los der Kultur, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.
Die Rolle der Kunst in einem Staat gleicht immer der Rolle einer Geliebten.“

QIN YUFEN, bildende Künstlerin. Geboren 1954 in Shandong, China. Lebt in Peking und Berlin.


ROBERTO PACI DALÒ
GREUELMÄRCHEN

Erich-Kurz-Straße 9, Wohnung 901
Interaktive Ton- und Videoinstallation

Eine Produktion in Zusammenarbeit mit Giardini Pensili, Rimini
Programm MAX/MSP, Interfaces: Jeff Mann
Koordination: Laura Rastelli / Giardini Pensili
Edition collaboration: Patrizio Esposito

Zur Eröffnung am 27. Januar 2006, Foyer des Wohnblocks Erich-Kurz-Straße 5, 20 Uhr
ROTER SCHNEE
Szenisches Fragment von Roberto Paci Dalò

Roberto Paci Dalò: „Von den Fenstern der Wohnung in der Erich-Kurz-Straße 9, 9. Stock, sieht man hinunter auf den Tierpark. Den Blick hatte Heiner Müller, als er im obersten Stockwerk dieses Hauses wohnte. Sein Stück Leben Gundlings nannte er ein ‚Greuelmärchen‘. Seine Manuskripte sind ein von Geschichte aktiviertes und sie aktivierendes Feld. Ein solches energetisches Feld wird die Wohnung, Raum für Raum: eine Station, ein Sendeempfänger. Ein Dispositiv, das Schwingungen hervorruft, Entladungen, Blitze, Wetterleuchten, Ausfälle, Schatten. Ein alchemistischer Ort, an dem sich die Materialien verwandeln. Jeder Raum ist durch einen Satz aus Heiner Müllers Stück bestimmt. Er wird von Geräuschen, Bildern, Lichtern und einzelnen Objekten bewohnt. Sensoren und interaktive Systeme rufen Reaktionen hervor. Ein schwebender, halluzinativer Zustand, wo mehrere Zeiten zusammentreffen, ein biografischer, ein autobiografischer Ort ... Ich bin 47 Jahre alt.“

ROBERTO PACI DALÒ, Komponist und Musiker, bildender Künstler und Regisseur. Geboren 1962 in Rimini. Lebt in Rimini, Rom und Wien.