HiB Hamlet in Budapest. Hamlet in Berlin. Bericht

Eine Werkstatt der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft, Berlin,
und Mühely Alapitvány (Workshop Foundation), Budapest

in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater, Berlin, SPACE, Budapest / Amsterdam und andcompany&Co., Frankfurt a.M. /Amsterdam

zu Heiner Müllers Stück „Hamletmaschine“

mit Unterstützung durch die Dramaturgische Gesellschaft, Berlin, und das Goethe-Institut Budapest

Ein Kooperationsprojekt im Rahmen von „bipolar deutsch-ungarische Kulturprojekte“, einem Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes


Das Projekt „HiB Hamlet in Budapest. Hamlet in Berlin“, das im Januar 2007 begann und am 2. Juni 2007 im Maxim Gorki Theater, Berlin, beschlossen wurde, hat vielfältige Auseinandersetzungen künstlerischer und politischer Art provoziert und Beziehungen zwischen deutschen und ungarischen Theaterleuten, Wissenschaftlern, Künstlern und Studenten geschaffen.

Es hat auf beiden Seiten ein Nachdenken über die jüngere deutsche und ungarische Geschichte angeregt und Diskussionen über die Gegenwart beider Länder in Gang gesetzt.

Heiner Müllers Text „Hamletmaschine“ war der Ausgangspunkt für die vielfältigen Recherchen, die Gespräche, künstlerischen Arbeiten und Workshops. Die Arbeiten setzten sich mit dem Text auseinander, bezogen sich auf ihn oder stießen sich von ihm ab.

Für die Rezeption der „Hamletmaschine“ erwies es sich als wertvolle Möglichkeit, Heiner Müllers Text über den in ihn eingeschriebenen ungarischen Aufstand 1956 an Geschichte rückzubinden, ihn dadurch sowohl aus einem „postmodernen“ Kontext zu lösen wie aus einem Kultzustand zu befreien.

Der Text wurde so zu einem Material, an dem sich Geschichte zeigt.

Die Werkstatt hatte sich zum Ziel gesetzt, junge Theaterleute und –wissenschaftler für die Auseinandersetzung mit Heiner Müllers Werk zu gewinnen. Im Rahmen, den sie bieten konnte, ist das als gelungen zu bezeichnen. Unter zum Teil sehr verschiedenen Aspekten, mit sehr verschiedenen künstlerischen Mitteln wurde von Januar bis Juni 2007 mit der und über die „Hamletmaschine“ gearbeitet. Der Text war wiederum Ausgangspunkt für eine weitere Erschließung von Heiner Müllers Werk und die Beschäftigung mit seiner Arbeitsweise.

Eine weitere Zielsetzung bestand darin, durch das Projekt „HiB“ eine neue Rezeption von Heiner Müllers Werk in Ungarn anzuregen. Grundlagen konnten hier gelegt werden. Es wurden ungarische Künstler, Wissenschaftler und Studenten erreicht, die entweder bereits mit Texten von Heiner Müller gearbeitet haben – sei es als Übersetzer oder in szenischen Produktionen –, oder die Heiner Müllers Schreiben durch die Werkstatt kennen lernten und ein Interesse für eine über das Projekt hinausgehende Beschäftigung entwickelten.

Das Projekt ermöglichte also vielfältige Erfahrungen mit Heiner Müllers Text, setzte ihn in einen historischen Kontext und regte szenische und mediale Arbeiten zur „Hamletmaschine“ an.


Das in deutscher Verantwortung realisierte Programm

Werkstatt Hamletmaschine
19. bis 28. März 27 / Maxim Gorki Theater, Berlin

25 Teilnehmer – junge Theaterleute, Wissenschaftler und Studenten verschiedener Fachrichtungen – bildeten zusammen mit 20 wechselnden Referenten – Theaterwissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Regisseure, Dramaturgen, Filmemacher und Übersetzer – den internen Kreis der 10tägigen Werkstatt im Studio des Maxim Gorki Theaters.

Die Teilnehmer kamen zum überwiegenden Teil aus Berlin und Budapest, dazu Studenten der Theaterwissenschaft aus Osnabrück und Gießen sowie Theaterleute aus Indien, den USA, Italien, Belgien und Bulgarien.

Gearbeitet wurde in verschiedenen Formen:

Vormittags fanden im internen Teilnehmerkreis Gespräche mit dem Referenten vom Vorabend statt. Die Teilnehmer stellten vorbereitete Beiträge zu speziellen Aspekten der „Hamletmaschine“ zur Diskussion. Ab 14 Uhr wurde die Werkstatt für Gäste und Publikum geöffnet: Lectures, Gespräche und Arbeitsberichte zu wesentlichen Inszenierungen bestimmten den Nachmittag.
Um 20 Uhr waren unter verschiedenen Aspekten öffentliche Veranstaltungen – Vorträge, Lesungen, Dokumentationen – zu Heiner Müller und Ungarn angesetzt.

Die inhaltlich und zeitlich sehr intensive Werkstatt widmete sich folgenden Schwerpunkten:

- die ungarische Revolution 1956 und die zeitnahe deutsch-ungarischen Geschichte,
- Shakespeares „Hamlet“ und dessen Übersetzung durch Heiner Müller,
- wichtige Inszenierungen der „Hamletmaschine“,
- Übersetzungsfragen
- die Rezeption von Heiner Müllers Werk in Ungarn.

Die von Bipolar initiierte deutsch-ungarische Auseinandersetzung erwies sich als wichtiger Anstoß zu einer weiterführenden Rezeption von Heiner Müllers „Hamletmaschine“, die wesentlich aus den Diskussionen mit den ungarischen Künstlern und Teilnehmern erwuchs. Die „Werkstatt Hamletmaschine“ wurde Teilnehmern, Referenten, Publikum und dem Maxim Gorki Theater selbst so gut aufgenommen, dass eine nächste Heiner Müller Werkstatt im MGT für 2008 geplant wird.


David Marton
Hamlet in B.

Recherche / Vorbereitung: Januar – April 2007, Berlin
Dreharbeiten: April 2007, Budapest
Schnitt / Ton: Mai 2007, Berlin
Uraufführung: 2. Juni 2007, Maxim Gorki Theater, Berlin

David Marton (Konzept / Regie), Julian Mehne (Darsteller), Daniel Dorsch (Ton), Isabel Robson (Konzept / Schnitt)


David Marton, geboren in Budapest, seit mehr als 10 Jahren in Berlin, bezog sich in seiner Arbeit auf Budapest als Projektionsfläche aus deutsch-historischem und theatralem Blickwinkel und entwickelte eine eigene Version von "Hamlet in B."

Das Bipolar-Projekt ermöglichte David Marton, einen ersten Versuch mit filmischen Mitteln zu wagen, das Theater zu verlassen und mit Darsteller und Kamera in den öffentlichen Raum zu gehen.

Dem 20minütigen Film, der zum Abschluss des gesamten Projektes am 2. Juni uraufgeführt wurde, ging eine intensive Arbeit voraus. Gemeinsam mit Isabel Robson und im Austausch mit der Projektleitung entwickelte Marton das Konzept und schrieb ein Drehbuch. Julian Mehne spielte H., einen jungen deutschen Schriftsteller, der zur Buchmesse nach Budapest eingeladen ist und – im Gegensatz zu Umberto Eco – vor leeren Reihen liest. H. gerät in Abgründe, verliert sich in ungarischer Geschichte, kämpft gegen Depressionen, verirrt in der Stadt, und läuft O. nach, die unerreichbar bleibt.

Die Vorgabe des Projektes gab Marton Gelegenheit, sich mit heutigem Abstand, aus Distanz aber innerlich sehr verbunden, mit seiner Stadt auseinander zu setzen, für ihn neue künstlerische Mittel zu erproben und schließlich seinen ersten Film zu drehen.


Lutz Dammbeck
Re-reeducation (Umerziehung der Umerzogenen)

Ausstellung: Mai – Juni 2007, COMA, Berlin
Lecture + Filminstallation: 2. Juni 2007, Maxim Gorki Theater, Berlin


Im COMA centre for opinions in music and art, Berlin, realisierte Lutz Dammbeck eine Installation über die Verwertung von Kunst in gesellschaftlichen Zusammenhängen, denen sich die Künstler mit ihren Intentionen eigentlich entgegenstellen. Gereinigt von allen ursprünglichen Intentionen bleiben nur entkernte, auf Ästhetik reduzierte Gehäuse, welche die in die Baupläne eingeschriebenen Wünsche und Absichten verschweigen.

Heiner Müllers „Hamletmaschine“ war für Dammbeck schon vor Zeiten ein auslösendes Moment für seine ausführliche Beschäftigung mit kybernetischen Prozessen, mit maschinellen Strukturen und behavioristischen Erziehungs- bzw. Umerziehungsmodellen.

Die Lecture, die Dammbeck am 2. Juni zum Abschluss von „HiB“ im Maxim Gorki Theater vor vollem Haus hielt, war ein Plädoyer für die Verwerfung von lebensfeindlichen Konstruktionen, Geschichtsmaschinen, politischen Wohlverhaltenspattern. In seinen Rücken lief ein Film der Installation im COMA: mongolische Wüstenrennmäuse in einer eigens für sie und ihre Abrichtung konzipierten Wohnmaschine. Das Ziel: Die Mäuse nehmen die Struktur an, fügen sich ein, werden berechenbare Größe. Das Ergebnis: Die Mäuse setzten die Konstruktion außer Kraft, zernagten die Elektrik, richteten sich nach ihren Maßgaben ein. Eine ent-funktionierte Mausmaschine, von der Hamlet lernen kann.


Performing HiB. Hamlet in Budapest. Hamlet in Berlin
2. Juni 2007 / Maxim Gorki Theater,Berlin


Von 17 bis 24 Uhr wurden die Ergebnisse des gesamten deutsch-ungarischen Projektes in den Räumen des Maxim Gorki Theaters vor zahlreichem, äußerst interessiertem Publikum vorgestellt.

Mit Hilfe der kompetenten Technik und der Mitarbeiter des Maxim Gorki Theaters, in Zusammenarbeit mit den ungarischen Partnern und den Künstlern gelang eine facettenreiche, anregende Veranstaltung: der gelungene Abschluss eines Projektes reich an künstlerischen, politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Im Überblick

Foyer SPACE
HiB : BACK TO PRESENT. DENKMAL FÜR DIE GEGENWART

Fotografien und Videos auf vier Screens. Die in Budapest erarbeitete Audiotour wurde als Film nach Berlin gebracht. Für das deutsche Publikum, das die filmische Tour durch das Corvin-Viertel verfolgte – jeder Besucher mit einem Kopfhörer ausgestattet – waren eigens Erläuterungen hinzugefügt worden, Erklärungen zu den Orten, Übersetzungen spezifischer Ausdrücke und Begriffe. Die Video/Audio-Tour eröffnete und beschloss das Programm „Performing HiB“. Die Künstler standen dem Publikum den ganzen Tag über zu Gesprächen und Informationen zur Verfügung.

Bühne Eröffnung
Krisztian Ungváry (Vortrag Ungarn)
Wolfgang Storch (Bericht HiB)

Während der Planung der Veranstaltung wurde deutlich, dass ein prägnanter grundsätzlicher Vortrag zum ungarischen Aufstand 1956, der Öffnung der Archive im Umfeld der Wende von 1989 und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die gegenwärtige gesellschaftliche Situation in Ungarn notwendig ist. Mit Dr. Ungváry konnte ein Experte gewonnen werden, der der gesamten Veranstaltung durch seine präzise Analyse den Boden bereitete.

Wolfgang Storch zeichnete in seinem Bericht den historischen Bogen von Heiner Müllers Arbeit an HiB.

Freedom’s Fury (2005)

Parallel zu den Video/Audiotouren von Space wurde der Dokumentarfilm „Freedom’s Fury“, den die Filmübersetzerin Krisztina Niklosz für „HiB“ eingerichtet hatte, auf der großen Leinwand der Bühne gezeigt. Da SPACE im Foyer nicht mehr als 60 Kopfhörer anschließen konnte, wurde nach einem parallelen Programm gesucht, das den ungarischen Aufstand unter einem weiteren Blickwinkel beleuchten konnte. Krisztina Niklosz, die an der „Werkstatt Hamletmaschine“ teilgenommen und anschließend aus Interesse den deutschen Programmteil in Budapest betreut hatte, schlug den Film vor, der sich anhand von dokumentarischem Material und Interviews mit Ungarn 1956 auseinander setzte. Der Ausgangspunkt: Das Wasserball-Halbfinale zwischen Ungarn und der Sowjetunion im Herbst 1956.

Lutz Dammbeck
Re-reeducation (Lecture / Filminstallation) s.o.

David Marton
Hamlet in B. (Film) s.o.

Rangfoyer Distanzgemindert
Fotos aus Budapest von Anja Quickert

Während der Vorreise zur Projektentwicklung und im Umfeld des „Workshops Hamletmaschine“ im April hatte Anja Quickert in Budapest vor dem Hintergrund von „HiB“ zahlreiche aussagekräftige Fotografien von der Stadt und den Menschen gemacht. Eine Auswahl wurde im Rangfoyer präsentiert.

Hinterbühne andcompany&CO.
HiB: PLAYTIME!

Für die Präsentation im Maxim Gorki Theater erarbeitete andcompany&Co. eine erweiterte Fassung von „Playtime!“. Zum Team kam ein deutscher Schauspieler, der sich die Moderation der Spielfassung – ein Glücksspiel um „Hamletmaschine“ – mit seinem ungarischen Kollegen teilte. Einzelne Erfindungen waren überarbeitet, der Ablauf des Spiels konkretisiert worden, neue theatrale Erfindungen hinzu gekommen. Die Arbeit von andcompany&Co. hatte Format und künstlerische Kraft und erreichte das Publikum unmittelbar: eine spezielle, klar konzipierte und zugleich äußerst spielerische Herangehensweise an „Hamletmaschine“.

© Ute Schendel[1] Angelus Novus[2]

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