ARBEITSANSÄTZE DER WERKSTATT

NAPOLI TEATRO FESTIVAL ITALIA
INTERNATIONALE HEINER MÜLLER GESELLSCHAFT

WORKING FOR PARADISE
BERLIN - NAPOLI 2009
HEINER MÜLLER . LABORATORI

1)

Heiner Müllers Stück „Der Lohndrücker“ soll in einer völlig veränderten historischen Situation überprüft werden. Als er sich das Stück 1986 wieder vornahm, sagte Heiner Müller, man solle die unterschiedlichen Zeiten (1947/48-1956-1986) mit zum Thema machen. „Das hat mich interessiert, weil da kommt wieder eine andere Zeit dazu, die dann auf der anderen Seite etwas zu tun hat mit diesem utopischen Überschwang“. Alexander Weigel spricht von einem „ungeheueren Erfahrungszuwachs“ und meint: „Das Stück ist so geschrieben, dass es Nacherfahrungen mit einbeziehen kann“. Kein geringer Aspekt: Zwischen den Figuren „steht die ganze DDR-Geschichte“.

2)

Als Lebensfrage stellt sich heute nicht mehr Aufbau des Sozialismus, sondern der Abbau der kapitalistischen Produktionsmaschinerie: Diese ist lebensgefährdend und weitgehend sinnlos geworden. Überproduktion findet nicht mehr periodisch statt, sondern ist als „stabilisierte Krise“ die Existenzweise des Kapitals: „Zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Handel“ (Marx, 1848). Für den „Lohndrücker“ ist „der vorindustrielle Charakter der DDR“ wichtig, der noch die Chance der Utopie enthält. Alexander Weigels Gesprächsnotizen: Unter den realen Mangelverhältnissen 1947/48 ist der „Feuerofen“ die Zukunftsmaschine, in die man hineinrennt, um der Gegenwart zu entgehen. „Vor dem Hintergrund einer traumhaft ästhetisierten technischen Welt von heute (morgen) mit entrealisierten Perspektiven und Spiegelungen, eine allertäglichste Umwelt von gestern (1945/50) – heute – mit schmerzhafter Realität“. Und: „Das gewaltsame Arbeiten als Trance, Magie, Zauber, sich-hinein-versetzen in Zukunft, Herbeizaubern des Paradieses“.

Wir sind angekommen. Wie stehen die Chancen der Utopie beim Exportweltmeister Deutschland? Bieten die nach-industrielle Arbeitslosigkeit und das Prekariat noch/wieder die Chance der Utopie?

3)

Katechismus:
Warum arbeiten wir?
Um Arbeitsplätze zu schaffen.
Warum Arbeitsplätze?
Um Einkommen zu schaffen.
Was sind Einkommen?
Scheine, die zum Leben berechtigen.

4)

Kann man Lebensberechtigung, nicht anderweitig beschaffen?
Denn „Einkommen“ sind obsolet geworden, weil:
a)es immer schwieriger wird, dass jeder dem anderen etwas verkauft, bzw. eine bezahlte Tätigkeit findet,
b)Produktivitätsfortschritte nicht umgesetzt werden in Freie Zeit d. h. in weniger notwendige Arbeit für Alle,
c)ein Großteil der Produktion Lebensgrundlagen zerstört. Je mehr wir produzieren, desto mehr zerstören wir den Planeten, bis ins kleinste Dorf hinein. Waffen und Drogen aller Art (deren Surrogate, z.B. „Kommunikation“). Ein wachsender Teil der Produktion dient nur noch dazu, die Schäden der Produktion zu reparieren: Schäden an der Erde und an den Menschen.

5)

Was machen dann die Menschen, wenn sie nicht arbeiten?
Sie lernen, in freier Zeit den Reichtum zu sehen (Umwertung der Werte I), also den Austausch Zeit gegen Wohlstand, der dem Imperativ der Entwicklung entsprach, zu unterbinden.

Sie lernen, musisch zu leben, Vernünftiges zu tun, sich in menschlichen Beziehungen zu verwirklichen, jenseits der entfremdeten, d. h. der bezahlten Arbeit, in freien Tätigkeiten, die nicht mehr Mittel, sondern Zweck sind (Umwertung der Werte II).

6)

Was hat das mit dem „Lohndrücker“ zu tun? Wie sieht die andere Seite des utopischen Überschwangs aus?
Wir brauchen keine Helden der Produktion, sondern Helden (wenn überhaupt) des Abbaus der Produktion. Helden der Freien Zeit. Insofern liegen DDR und SU endgültig hinter uns. Können die, die Arbeit haben, und die Arbeitslosen diesen Schritt vollziehen? Welche Verantwortung und welche Beziehungen setzt das unter ihnen voraus? Welche Begriffe von Arbeit, Reichtum, Leben? Wir stehen am Übergang vom Zeitalter der Heroen in gesittete Verhältnisse. Die Taten des Herakles gegen Ungeheuer sind getan. Bleibt noch der Augiasstall: die Scheisse der Produktion.

© Ute Schendel[1] Christopher Martin[2]

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