ZU: DER LOHNDRÜCKER / LO STAKANOVISTA

NAPOLI TEATRO FESTIVAL ITALIA
INTERNATIONALE HEINER MÜLLER GESELLSCHAFT

WORKING FOR PARADISE
BERLIN - NAPOLI 2009
HEINER MÜLLER . LABORATORI

Konzept und Leitung:
Peter Kammerer, Klaudia Ruschkowski, Wolfgang Storch

„Vergangenes historisch artikulieren heisst nicht, es erkennen ‚Wie es denn eigentlich gewesen ist’. Es heisst, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“
Walter Benjamin

Von Dezember 1949 bis Februar 1950 hatte der Ofenmaurer Hans Garbe bei Siemens-Plania in Berlin-Lichtenberg defekte Brennkammern repariert, während die anderen Kammern des Ofens weiter in Betrieb blieben. Durch seine spektakuläre Arbeitsleistung bei achtzig bis hundert Grad ersparte Garbe dem Werk einen Produktionsausfall und setzte eine neue Arbeitsnorm. Im Oktober 1950 wurde er zu einem der ersten „Helden der Arbeit“ der DDR ernannt. In Heiner Müllers Stück „Der Lohndrücker“, geschrieben 1957, heißt der Ofenmaurer Balke. Er ist neu im Betrieb. Bereits in der ersten Szene heißt es, er hätte für „die Erfindung mit der Leiste“ eine Prämie eingesteckt: „Die Erfindung stimmt. Man schafft mehr.“ Wegen seiner überdurchschnittlichen Leistungen kassiert der Aktivist Balke „Leistungslohn“: bis zu 400% Prozent des normalen Gehalts, während seine Zuarbeiter leer ausgehen. Balkes nächster Einsatz: Er bietet an, einen gerissenen Ofendeckel zu zweit zu reparieren – zu dritt wäre die Norm –, und setzt damit die Norm herauf. Der dritte Schritt: Balke bietet sich an, einen gerissenen Ofen „bei Feuer“ zu reparieren, was einen Produktionsausfall erspart, aber sehr gefährlich ist. Wegen der durch ihn heraufgeschufteten Norm beschimpfen ihn die Kollegen als „Lohndrücker, Arbeiterverräter“ und schlagen ihn zusammen. Balke macht trotzdem weiter. Der BGL-Vorsitzende Schurek hängt ein Spruchband auf: „Die Werktätigen fordern die Erhöhung der Norm“ und kommentiert: „Wir nehmen eure Interessen wahr, wenn wir die Norm hochsetzen.“

In seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ berichtet Heiner Müller, „dass auf einer Parteikonferenz den Schriftstellern dieser Stoff ans Herz gelegt worden war.“ Eduard Claudius verarbeitete Garbes Geschichte zu der Reportage „Vom schweren Anfang“ (1950) und in dem Roman „Menschen an unserer Seite“ (1951). Auf Grundlage der von Käthe Rülicke-Weiler aufgezeichneten Gespräche, die Bertolt Brecht 1951 mit Garbe führte, entstand das Buch „Hans Garbe erzählt“ (1952). Karl Grünberg verfasste für das Buch „Helden der Arbeit“ (1953) den Beitrag „Der Mann im feurigen Ofen“.

Heiner Müller schrieb Der Lohndrücker zunächst als Hörspiel. Es erschien 1957 in der Neuen Deutschen Literatur und 1958 bei Henschel. Die Uraufführung fand im März 1958 in Leipzig statt. Gleichzeitig wurde die Hauptstadt-Premiere am Maxim Gorki Theater vorbereitet: als
Doppelaufführung – Der Lohndrücker schien für einen Abend nicht lang genug – mit der von Inge und Heiner Müller korrigierten Fassung ihres Stückes Die Korrektur. Die Aufführung wurde jedoch erst verschoben und dann von der Bezirksleitung verboten. „Der Streitpunkt war ‚Korrektur’. ‚Lohndrücker’ war schon gegessen durch die Aufführung vorher in Leipzig“, berichtete Heiner Müller. „Es war beschlossen: Das Stück wird nicht aufgeführt...Das Ganze hat mich wahrscheinlich tiefer getroffen als später die Kampagne gegen die ‚Umsiedlerin’.“ Auf Weisung des Zentralkomitees wurde die Aufführung „nach parteiinternen Machtkämpfen“ schließlich doch zugelassen. Sie fand am 2. September 1958 in der Regie von Hans Dieter Mäde, Regieassistenz: B. K. Tragelehn, im Maxim Gorki Theater statt.

Roberto Menin schreibt im Nachwort zu seiner Übersetzung von Lohndrücker ins Italienische:

“Die Tat des Lohndrückers wird die Arbeiter in Zukunft dazu zwingen, unter den harten neuen Verhältnissen zu arbeiten, um ihr altes Lohnniveau zu halten. Daraus erwachsen größte Spannungen. Angestoßen wird damit die Debatte über den Aufbau des Sozialismus unter unmenschlichen Bedingungen. Zugleich zeigt sich das nazistische Erbe sowohl in den Biographien der Arbeiter (der Held Balke hat mit den Nazis kollaboriert, genau wie viele seiner Kollegen) als auch in den Lebensbedingungen, die die neue sozialistische Disziplin auferlegt. Die Figuren schillern unter dieser intensiven Beleuchtung: Auch wenn sie widerstreitende Positionen behaupten, der eine mehr, der andere weniger, sie alle sind Verräter und Geschlagene. ...

Es ist überraschend zu sehen, wie dieser Text die Basis bildet für Heiner Müllers Dramaturgie, für alles, was folgt: in Müllers pessimistischer (nicht revisionistischer) Vision vom Sozialismus; in der Geschichte als Fleischwolf der Sehnsucht nach Freiheit; in der Demaskierung der Verlogenheit von Ideologien – all das schreibt sich in das biografische Leid ein und trägt sich in den Körpern aus, die ihre Opfer bringen. Vor allem die Geschichte ist es, die in Heiner Müllers Texten zu einem theatralen Phänomen wird, die die Personen zum Handeln zwingt, auch zum Verrat.

Der Verrat setzt bei Müller unglaubliche Energien frei, auch wenn er den Schmerz nicht auslöscht, im Gegenteil: der Schmerz realisiert sich hier erst. Wenn die Ideologien alle falsch sind, ist der Verrat die Authentizität des Körpers. Der Körper holt sich sein Recht zurück, kommt aber zu keiner Transfiguration. So treten im Lohndrücker die Ereignisse aus dem sozialen Milieu, die Personen sind einfach Menschen in einem dramatischen Kontext, und jeder Einzelne muss die Rechnung mit seiner eigenen Demütigung, mit seinem eigenen Schicksal machen.

Hier entsteht die unglaubliche Dynamik in Müllers Texten. Daher ist es möglich, sie zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Punkten aus anzugehen und immer wieder neu zu beleuchten.“

© Ute Schendel[1] AP-Bilderdienst[2]

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