Ich will nicht wissen wer ich bin – Heiner Müller

Ein Film von Christoph Rüter
Co-Autor Thomas Irmer
3sat, 2009, 60’

Vorfilm: Cameos
Ein Film von Christoph Rüter, 32 Min.

Kurzdokumentarfilm über Heiner Müller

Ab 16. April im Lichtblick-Kino Berlin

Einsatzzeiten im Lichtblick-Kino:

Do 16.04. 19:30 Uhr
Sa 18.04. 19 Uhr (in Anwesenheit d. Regisseurs!)
So 19.04.+ Mo 20.04.+ Mi 22.04. 19:00 Uhr
Sa 25.04. + So 26.04. 16:00 Uhr
Mo 27.04.+ Di 28.04.+ Mi 29.04. 17:30 Uhr

Zum Film

Am 9. Januar 2009 hätte Heiner Müller seinen 80. Geburtstag gefeiert. Selten hat ein Schriftsteller in Deutschland so viele Facetten ausgefüllt wie Heiner Müller: Dichter, Dramatiker, Theaterpraktiker, Dramaturg, Regisseur, Intendant und Integrationsfigur für Intellektuelle in Ost und West. Und nun der Widerspruchsklassiker für beinahe alle?

Der Film beleuchtet nicht einfach nur Müllers Leben und Werke, vielmehr geht es darum, die „Sphinx“ aus dem Osten und ihr Diktum vom Verlust der Utopien neu zu befragen und zu untersuchen, ob Heiner Müllers Texte, wie er selbst sagte, Flaschenpost für die Zukunft sind.

Müller war DDR-Bürger, durchstreifte aber zwischen Texas und Bulgarien, Paris und Moskau, New York und Los Angeles die Weltgeschichte. Wenige Schriftsteller haben das Global-Zerrissene so vorhergesehen und geschildert wie er. In keinem Text kommt dies so deutlich zum Ausdruck wie in der „Hamletmaschine“, die Müller selbst als Teil seiner epochalen Hamlet-Produktion in der Wendezeit am Deutschen Theater in Berlin inszenierte.

Die Filmemacher

Der Berliner Filmemacher Christoph Rüter und sein Co-Autor, der Theaterwissenschaftler Thomas Irmer, folgen den Spuren Heiner Müllers in Bulgarien, Berlin, Paris und den USA und sprechen mit Margarita Broich, Durs Grünbein, Jean Jourdheuil, Mark Lammert, Brigitte Maria Mayer, Jeanne Moreau, Katja Lange-Müller, Robert Wilson u.a.

Christoph Rüters erster Film „Die Zeit ist aus den Fugen“ dokumentierte die Arbeit von Heiner Müller an „Hamlet/Maschine“ mit Ulrich Mühe als Hamlet während der Wende am Deutschen Theater Berlin(Premiere am 24. März 1990). Dieser Film ist ua. auch die Basis zu dem neuen Film „Ich will nicht wissen, wer ich bin“.

Desweiteren ist Christoph Rüter mit mehreren Dokumentationen zu Theaterpersönlichkeiten hervor getreten, darunter Klaus Michael Grüber, Angela Winkler, Klaus Kinski, Ulrich Wildgruber, Curt Bois, Ute Lemper und Thomas Brasch. Zuletzt hatte er viel beachtete Filme über den Schriftsteller Jörg Fauser und den Schauspieler Ulrich Mühe gemacht.

Thomas Irmer hat für 3sat mehrere Theaterdokumentationen realisiert, darunter zusammen mit Matthias Schmidt „Die Bühnenrepublik. Theater in der DDR“ (Grimme-Preis 2004).

Lichtblick-Kino
Kastanienallee 77 | Prenzlauer Berg | Berlin
Tel.: 030.44 05 81 79 | Fax: 030.44 00 88 45
Email: info@lichtblick-kino.org
www.lichtblick-kino.org

Tram M1 | U Eberswalderstr. | U Rosenthaler Platz

Preise: 4.50 Euro | erm. 3.90 ¤ | bei Überlänge 5.00 ¤ | erm. 4.50 ¤

epd medien ! Nr. 5 • 21.01.2009 KRITIK

Die Dichtung das Visier

„Ich will nicht wissen, wer ich bin – Heiner Müller“
ein Film von Christoph Rüter
Co-Autor Thomas Irmer, Kamera: Patrick Popow
Produktion: Christoph Rüter Filmproduktion

Am 16. Januar 1996 schaufeln die Friedhofsangestellten das Grab zu, in dem Heiner Müller gerade beerdigt wurde. Einer springt leicht auf der Erde herum, damit sie fester wird. Schwarz-weiße Bilder, trübe und sehr schön. So beginnt das Porträt, und so endet es dann auch. Christoph Rüter lässt dazu den Müller-Text sprechen: „Man muss die Toten ausgraben, aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“ So etwas ähnliches hat
Rüter jetzt mit seinem Film gemacht. Er hat den Müller, der uns schon sehr entrückt war, wieder ungemein lebendig gemacht, in weitere Räume gestellt, in größere Zusammenhänge. Hat ihn herausgeholt aus der Fan-Szene der DDR, aus dem wohlbekannten Epigonen-Clan, aus der Vielzahl
derer, die alle genau wussten, wie und wer Müller war. Hat ihn, der so fest zu Hause war in der DDR, als einen gezeigt, der sich auch in Texas wohlfühlte, in Los Angeles, in Sofia, in Frankreich und vielen anderen
Ländern. Dieses Reisen-Dürfen kommentierte Müller so: „In der Einsamkeit der Flughäfen atme ich auf. Ich bin ein Privilegierter.“

Müller in der kleinen DDR und global gesehen. Müller mit viel Sympathie, aber bemüht neutral betrachtet, mit respektvoller Distanz. Das sind die zwei Gründzüge dieses wunderbar gelungenen Porträts von Heiner Müller,
das nichts erklären und deuten will, sondern ihm nachspürt in den verschiedenen Zeiten, mit festen und wechselnden Freunden und Frauen.

Material gibt es reichlich, Müller hat sich nie den Medien verweigert.
Seine Aufführungen wurden dokumentiert, im In- und Ausland. Er trat auf, bei Lesungen, Diskussionen. Rüters Film bewegt sich spiralartig vorwärts, auch sprunghaft in den Zeiten, aber auf verblüffende Art in
der inneren Struktur doch immer chronologisch. Am Anfang setzt er sehr auf emotionale Wirkung. Jean Jourdheuil, Regisseur und Übersetzer, spricht von Müllers Strenge, seiner Ratlosigkeit, seiner Verletztlichkeit und Unsicherheit. Margarita Broich (damals Berlin/West),
Schauspielerin und Müllers Lebensgefährtin von 1981- 1989, besucht heute seine ehemalige Wohnung in einem Hochhaus in Friedrichsfelde, das von Anfang an „schäbbig“ war. Das Bild zeigt Müller, wie er dort Treppen hochgeht, Fahrstuhl fährt, im mit Papier überfüllten Zimmer sitzt.
Und sagt, Architekten hätten ausgerechnet, dass, hätten die Bewohner alle gleichzeitig gefickt – das Bett konnte nur in einer bestimmten Ecke stehen – die Statik gefährdet wäre. Am Eingang erinnert heute eine
Gedenktafel an ihn. Wie auch am Haus in Pankow, Kissingenplatz, zu dem Katja Lange-Müller, Autorin, hinführt und an den vielen Whisky erinnert, der dort vernichtet wurde. In dieser Wohnung brachte sich Inge Müller 1966 um, seine zweite Frau. Er fand sie früh um 3 Uhr leblos auf der Erde.

Gleichberechtigt nebeneinander stehen Interviews mit Müller – das mit Frank Schirrmacher von 1994 wirkt wie ein sehr fundiertes Gerüst -, Aussagen seiner Mitarbeiter, Freunde, Autoren, Theaterleute und Spielszenen aus seinen Stücken, im Zentrum immer wieder „Hamletmaschine“
und „Philoktet“. Die Uraufführung von „Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande“ 1961 durch eine Studentenbühne in der Regie von B.K.Tragelehn, bei der Müller und Tragelehn knapp einer Inhaftierung
entgingen, wird nur kurz gestreift (Hier fällt auf, dass Tragelehn, der als ausgewiesener Experte in Sachen Müller gilt, in diesem Film nicht anwesend ist). Dimiter Gottscheff erzählt, wie Müller 1982 nach Bulgarien
kam, die vom Verbot bedrohte Aufführung „Philoktet“ zu retten. Robert Wilson, fasziniert von Müllers „very compressed“ Texten, inszeniert 1986 „Hamletmaschine“. In Austin, Texas, Müller in offenem Hemd, einmal ganz in Weiß, dann bei Proben zu „Mauser“ inmitten von weiblichen Studenten, er wird angefasst, an der Nase, am Kopf, an der Hand. Er steht still, gelöst? Ginka Tschokalowa macht Bilder von dem, was Müller dort lieben lernt – die Weite, die Landschaft, die Ränder der USA. In Paris liest Müller 1983 an vier Abenden seine Texte, er galt bei den Franzosen als humorvoll, sagt Jean Jourdheuil. Und 2008, auf dem Festival in Avignon, liest Jeanne Moreau „Quartett“, eine Stunde, zwei Minuten.

Als die Mauer fällt, inszeniert Müller am Deutschen Theater „Hamlet / Maschine“ mit Margarita Broich als Ophelia und Ulrich Mühe als Hamlet. Er wird Liebling der Medien, Chef des Berliner Ensembles, wo er 1993 „Duell / Traktor / Fatzer“, 1994 „Quartett“ und 1995 „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ inszeniert. Seine Stasi-Kontakte werden öffentlich, Müller ist erstaunt, dass er plötzlich geächtet wird. Er wird krank, Krebs.

Mit der Fotografin Brigitte Maria Mayer, die seit 1992 seine Frau ist, hat er eine Tochter. Er fragt sich: „Leben lernen mit der halben Maschine? Wozu? Für ein Kind? Eine Frau? Ein Spätwerk?“. „Germania 3 Gespenster am Toten Mann“ ist sein letztes Stück. Müller stirbt
am 30. Dezember 1996. Sein Freund Mark Lammert, Bühnenbildner und Maler, zeichnet seine Totenmaske. Er, der sonst nie trinkt, macht diese Arbeit im Suff.

Christoph Rüter, schon geübt im Umgang mit Theaterleuten durch Porträts von Ulrich Wildgruber, Curt Bois und Ulrich Mühe, hat hier, in Gemeinschaft mit Thomas Irmer, zweifellos ein Meisterstück abgeliefert. Der phänomenale Heiner Müller, so vertraut, so fremd, „das Gesicht nackt, die Dichtung das Visier .“ Sprecher war Martin Wuttke, Müllers Arturo Ui. Erstklassig.

Renate Stinn

© AP-Bilderdienst[1] Neues Deutschland[2]

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