NACHRUF AUF FRITZ MARQUARDT (1928-2014)

Gegen den Zeitgeist - Von JÜRGEN VERDOFSKY
Frankfurter Rundschau online, 5. März 2014

Mit dem Regisseur Fritz Marquardt ist einer der großen Stimmführer des deutschsprachigen Theaters gestorben. Ein Nachruf.

Fritz Marquardt trat aus dem Schatten eines übermächtigen Heiner Müller, als Regisseur stand er neben ihm. An ihn kann man sich nicht erinnern, ohne an seine Unbedingtheit in künstlerischen Belangen, die Entschiedenheit seiner Meinung, ja, seine Wucht im Streit zu denken. Wenn eine Debatte, wenn eine Probe sich festfuhr, konnte er im heiligen Zorn auffahren. Aber manchmal löste er alles mit einem unerwarteten Lächeln, beileibe mit keinem Wort. Überhaupt seine Sprache. Er blieb in der Arbeit schwer verständlich, auch weil er in Ellipsen sprach. Das verstanden wenige, aber die es verstanden, wurden zu seinen großen Schauspielern, lebenslang. Auch das gehört zum Geheimnis seiner Wirkung.

Geboren am 15. Juli 1928 in Groß Friedrich im Warthebruch/ Neumark, wie es früher hieß, nimmt Fritz Marquardt seinen Anfang aus dem Untergang. Als die Front sich 1945 für lange Wochen an der Oder festgefressen hat, liegt sein Dorf dreißig Kilometer hinter den Linien der Roten Armee. Auf den Verdacht als „Werwolf“ folgt die Deportation des 16-Jährigen nach Sibirien. Früher als andere kehrt er thyphuskrank zurück und trifft im Dezember 1945 seine Eltern in Seelow im Oderbruch, wo der Vater eine Neubauernstelle erhalten wird. Aus der Landarbeit befreit ein Weg zur „Arbeiter- und Bauernfakultät“ Potsdam, ein Studium der Philosophie und Ästhetik an der Humboldt-Universität.

Das Theater rückt näher

Wegweisend bleibt der Philosoph Wolfgang Heisig. Aber auf das Komische bei Hegel folgen lange Umwege. Eine Hochschul-Assistenz wird unerträglich, als Kreissekretär für Jugendweihe ist man kurz getarnt, Bauarbeiter in Schwedt schon ehrlicher.

Dann rückt das Theater näher: Theaterkritiken, auch Archivar und dramaturgischer Mitarbeiter in der Volksbühne, bis Wolfgang Heinz ihn wegen Renitenz rauswirft. Am Theater Parchim zeigen sich die ersten Inszenierungen nach eigener Façon. Nach einem ungewöhnlichen „Woyzeck“ wird er Dozent für Szenenstudium an der Filmhochschule Babelsberg. Der freie Geist gewinnt unter den Studenten eine Generation für sich: darunter Hermann Beyer, Michael Gwisdek, Dieter Montag, Jürgen Gosch, Winfried Glatzeder und Henry Hübchen. Das wird ein ganzes Theaterleben halten.

1969 ruft der längst aufmerksam gewordene Benno Besson den 40-jährigen Marquardt an die Berliner Volksbühne. Mit Valentin Katajews „Avantgarde“ gibt er seinen Einstand. Er muss sich behaupten an einem Regietheater, das Besson, Manfred Karge und Matthias Langhoff mit dem Hausautor Heiner Müller prägen. Marquardt behauptet sich schwer mit Müllers „Weiberkomödie“ und Alexander Kopkows „Goldener Elefant“, aber er ist angekommen.

Durchbruch kommt mit "Der Menschenhasser"

Sein Durchbruch kam spät, aber 1975 überaus wirkungsvoll mit „Der Menschenhasser“ – Molières „Menschenfeind“ in einer Fassung von Kurt Bartsch. In der Alceste-Besetzung mit Dieter Montag als auch mit Jürgen Gosch, dazu Angelika Domröse, Heide Kipp, Hermann Beyer, Michael Gwisdek und Henry Hübchen zeigt sich eine Regiekraft, die neben Besson und Karge/Langhoff zur dritten Säule der Volksbühne jener Jahre wird.

Zu Inszenierungen mit ästhetischer und politischer Signalwirkung werden Heiner Müllers Stücke „Die Bauern“ (1976) „Der Bau“ (1980) und „Germania Tod in Berlin“. Sie sind Teil der öffentliche Unruhe in den letzten Jahren der DDR. Fritz Marquardt hat hier für Heiner Müller die Bühne bereitet. In Müllers Eigenregie wie „Auftrag“ oder „Macbeth“ und auch späteren Arbeiten zeigen sich Regielinien, die mit Marquardt korrespondieren. Beide setzten ihr ästhetisches Sparring am Berliner Ensemble fort. Mit Georg Seidels „Villa Jugend“, Barlachs „Der arme Vetter“, Horváths „Sladek“ und Ibsens „Klein Eyolf“ hat sich Fritz Marquardt sowohl in einer Kollektiv-Intendanz behauptet, als auch auf der Bühne. „Germania Tod in Berlin“ mit Hermann Beyer und Corinna Harfouch tritt aus seinen Arbeiten am BE besonders hervor.

Aber Marquardt ist nicht auf einen DDR-Horizont zu reduzieren. Seine vier Inszenierungen im Amsterdam der Achtziger gehören zum Welttheater: Brechts „Puntila“ und „Arturo Ui“, Ibsens „John Gabriel Borkmann“, Molières „Eingebildeter Kranker“. Lessings „Nathan“ in den Münchner Kammerspielen (1984) gehört in diese Reihe großer Erfolge.

Mit zwei letzen Auftritten hat sich Fritz Marquardt verabschiedet. In Andreas Dresens Film „Whisky mit Wodka“ stellt er sich den letzten Dingen. Dann hat ihm Frank Castorf zum Achtzigsten in der Volksbühne ein Fest ausgerichtet. Da sang der große Regisseur, der doch immer so scheu war, das alte Jägerlied vom Rehlein. Danach kam er nicht mehr nach Berlin. Zurückgezogen hat er sich die letzten Jahre in die Uckermark. Und man hatte manchmal Angst, dass der Wind, der da immer heftiger geht als anderswo, ihn umwehen könnte.
Fritz Marquardt gehörte dreißig Jahre zu den großen Stimmführern des deutschsprachigen Theaters: Unabhängig, unbestechlich, wahrhaftig. Theater war für ihn gesteigertes Leben. Ein rigoroser, ein unerschrockener, ein beispielhafter Mann ist am Dienstag mit 85 Jahren in Pasewalk gestorben.

© Margit Broich

< ZURÜCK