DAS SCHLOSSGESPENST

Ein Beitrag zu Heiner Müllers "Zement" in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Maxim Gorki Theater

von Ludwig Haugk

Zement ist ein seltsamer Baustoff. Erst wird aus gemahlenem Kalk Klinker gebrannt bei für Normalsterbliche unvorstellbaren Temperaturen von 1400-1450°C. Dann wird das gebrannte Material zermahlen und mit Sand und Gips gemischt. Aus Stein wird Pulver, aus Pulver wird Stein, Stein wird zu Pulver und am Ende wird aus Zement und Wasser Stein, ein Material, aus dem Ewigkeit geformt werden soll. Dass die Römer den Zement erfunden haben, überrascht nicht: das Pantheon, der irdische Thron der Götter, ist aus Zement gebaut worden. Im zwanzigsten Jahrhundert hieß Zement Zukunft. Die neue Welt schien formbar, kraft der Intelligenz der Ingenieure, kraft der Maschinen, kraft dieses Baustoffs, der aus altem Stein das Bindemittel herstellte, das aus Utopien (Beton-)Landschaften werden lassen konnte. Es ist kein Zufall, dass Fjodor Gladkow 1925 seinem Roman über das postrevolutionäre Russland den Titel Zement gibt und ein Zementwerk zum Protagonisten macht. Wer das Zementwerk kontrolliert, ist im Besitz der Zukunft. Das »Werk« in Gladkows Roman liegt brach, es ist im Zuge der Revolution enteignet und durch die Kämpfe zerstört worden. Gleb Tschumalow, der selbst Schlosser in diesem Werk war, kehrt 1921 nach drei Jahren an der Front des Bürgerkriegs zurück in seine Heimatstadt an der russischen Schwarzmeerküste. Doch statt einer sozialistischen Stadt im Aufbau trifft er auf eine Welt des Hungers und der Resignation. Das »Werk« läuft nicht, der Sozialismus droht sich in Phrasen, Terror und Desorganisation aufzureiben, bevor er überhaupt begonnen hat. Der Roman schildert eine Welt der Verunsicherung, der Revolution. Was die Figuren eint, ist der Hass auf die abgeschaffte alte Ordnung – Gladkow erzählt verklärend, aber dennoch erstaunlich klar von der übermenschlichen Kraftanstrengung, von den Opfern des Versuchs hungernder, resignierter, von Feinden umzingelter Menschen, eine neue Ordnung zu finden.

Als Heiner Müller 1972 Gladkows Roman für das Berliner Ensemble bearbeitet, schreibt er für eine Welt betonierter Verhältnisse. Die DDR hat sich hinter der Mauer eingerichtet in einem System aus offizieller Politfolklore, versteinerten Verhältnissen und kleinbürgerlicher Verwaltungsatmosphäre, in Schach gehalten von einem Apparat, der die Idee eines nichtfaschistischen, nichtkapitalistischen deutschen Staats zu einer zementierten Propaganda verkommen lässt. Der Geburtsfehler der DD R, nicht von einer linken proletarischen Revolution, sondern von sowjetischen Panzern auf die Welt gebracht worden zu sein, hat sich in der Mauer zementiert und scheint für Jahrzehnte nicht revidierbar. Das andere Deutschland ist ein kapitalistischer Staat in bleierner Zeit, in dem der linke Aufbruch sich pseudomilitärisch verschanzt, die Kontinuität des Geldes schamlos die nationalsozialistische Vergangenheit ignoriert und das Gespenst des Kommunismus den Polizeiapparat aktiviert. Müller stellt in diese Situation sein Theater als Zementwerk. Er benutzt den Roman aus einer fernen Zeit als Kalkstein, brennt und komprimiert ihn in Verse, sprengt das Material wieder auf und mischt es neu. Die Geschichte des Helden Gleb Tschumalows, der in der Arbeit des Aufbaus lernen muss, kein Held mehr zu sein, die Geschichte des Ringens um eine andere, bessere Welt wird bei ihm zu einer antiken Tragödie: Die Zeit der Revolution, der Veränderung der Welt (zu der es keine Alternative gibt) ist nicht – wie noch bei Gladkow – eine Frage von wenigen Jahren, nicht die Kraftanstrengung einer Generation, sondern eine Aufgabe von Lichtjahren. Zement erzählt davon, dass die Welt nur anders wird, wenn – so pathetisch es klingt – die Menschen sich ändern.
Bei Müller wird es zu einem Stück Protest gegen die DD R-Behauptung, im Sozialismus angekommen zu sein. Angesichts einer alten Geschichte aus der Zeit der Oktoberrevolution stellt Müller die Frage nach der Revolution in Deutschland Ost und West. Er lässt seine Figuren feststellen: »Es gibt keine Revolution mehr in Deutschland.«Der Steinbruch für Müllers Zementwerk ist die Geschichte. In seiner Anmerkung zu Zement schreibt er:

»Nach den Erfahrungen mit Kritik und Publikum der Berliner Zement-Aufführung machen sich einige Hinweise zur Regie notwendig. Sie betreffen das Verhältnis von Gegenwart und Geschichte. Das Stück handelt nicht von Milieu, sondern von Revolution, es geht nicht auf Ethnologie, sondern auf (sozialistische) Integration aus, die Russische Revolution hat nicht nur Noworossisk, sondern die Welt verändert, Dekor und Kostüm sollten nicht Milieu zeigen, sondern den Entwurf der Welt, in
der wir leben.«

Die Welt, in der wir leben, hat 2015 mit dem Entwurf, den Müller in Zement nachzeichnet, nichts mehr zu tun. Die Birken holen sich den Beton der DD R-Plattenbaustädte zurück, die Fabriken sind demontiert, das Projekt ist vorbei. Das derzeitige Berlin feiert das »beste Deutschland, das es je gab«, ohne auch nur darüber nachzudenken, dass dies schon viele Deutschlands von sich selbst behauptet haben, die Rote Armee gilt als Synonym für Andreas Baader und den Stalinismus; dass unter diesem Stern Millionen Menschen ihr Leben gelassen haben, um Europa vom deutschen Faschismus zu befreien, scheint keiner Würdigung mehr wert zu sein. Die Zementwerke in Deutschland laufen auf Hochtouren, um den Beton für den Neubau des Schlosses in der Berliner Mitte zu liefern, Geschichte ist eine Lichtergrenze des »There is no alternative«. Seltsam fremd kantetsich Müllers Stück in diese Wirklichkeit. Was ist das? Ein Gespenst? Für Müller ging 1989 der Gegenstand (und das heißt bei ihm der Widerstand) seines Schreibens verloren. Denn der pessimistische Blick auf das Fundament des Sozialismus, wie er sich in Zement formuliert, ging immer noch von dem Gedanken aus, dass die Arbeit (und wenn sie noch so unausführbar erscheint), der Aufstand gegen die Vergeblichkeit ist. Seit 1989 ist das Gespenst des Kommunismus freigelassen aus seinem Betonfundament. Man hat es seit dem immer wieder aufblitzen sehen, aber greifbar wurde es seitdem nicht mehr. Müller entschied sich gegen den Vers seiner (Post-)Dramen für die bewegliche Form der Gespräche: Über 1000 Seiten gedruckte Interviews und unzählige Stunden Hörmaterial sind sein Spätwerk, das zwischen 1989 und seinem Tod 1995 entstand.

»Zement 2015« kann nur eine Geisterbeschwörung sein. Zement heute zu lesen ist der unsichere Gang in ein fremdgewordenes Material, gangbar nur mit dem Wissen darum, dass wir nichts sind, als unsere Geschichte und in der Hoffnung darauf, dass die Gespenster immer anders erscheinen, als man es von ihnen denkt. Müller hat die Aufgabe von Theater als Störung des Sinnzusammenhangs beschrieben, als Aufbrechen, Zermahlen von vorhandenem Material auf der ergebnisoffenen Suche nach einer neuen Zusammensetzung. Das Ziel kann kein ideologischer Beton mehr sein. Aber Heiner Müller ist als Schlossgespenst im neuen Deutschland unverzichtbar. Gespenster warten auf Erlösung durch Geschichte. Bis dahin, das erzählt Zement, kann sehr viel Zeit vergehen. Die Erlösung aber ist kein Schicksal, sondern eine Arbeit. Wo sie beginnt, wie sie geht, wann sie aufhört, konnte schon Heiner Müller nicht beantworten. Parallel zur hysterischen Bautätigkeit in Berlin und anderswo wächst die Distanz zu dieser Antwort. Aber das alles, so scheinen Müllers Heldinnen und Helden zu flüstern, ist noch lange kein Grund, nicht anzufangen: »Der Stein arbeitet in der Mauer« hat Heiner Müller über Brecht gesagt. Das Material ist ja da: Die Geschichte leistet Widerstand, gegen eine Gegenwart, die meint sie verbauen zu können. Wenn Heiner Müller, der Sprengmeister aus Eppendorf in Sachsen, nicht mehr bauen und zertrümmern kann, soll er uns wenigstens erschrecken. Denn der »Schrecken ist die erste Erscheinung des Neuen.«

© Ute Schendel[2]

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