Heiner Müller. Werkstatt Philoktet

INTERNATIONALE HEINER MÜLLER GESELLSCHAFT
BERLINER FESTSPIELE

in Zusammenarbeit mit
der Griechischen Kulturstiftung Berlin
der Fakultät Darstellende Kunst an der Universität der Künste Berlin
dem Institut für Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig

1.-12. September 2004
Berlin, Bewag-Halle, Prenzlauer Allee 33

Schauspielwerkstätten
Carla Bessa, Lukas Langhoff , Enrico Stolzenberg

Werkstatt Chorarbeit
B. K. Tragelehn

Dramaturgiewerkstatt
Wolfgang Storch

Ausstellung
Alejandro Gómez de Tuddo
GIOCO MORTALE: LA VITA


Heiner Müller in seinem Brief an den Regisseur der bulgarischen Erstaufführung von PHILOKTET:

„Helene Weigel hielt PHILOKTET, wie Brechts MASSNAHME, für unspielbar. Ihr fehlt das Zufällige, der ‚Kies‘. Sie sah nicht, konnte als Brechtschauspielerin vielleicht nicht sehn, daß bei Stücken dieser Machart (bedingt durch ihr Material, Menschheit des Übergangs in der Verwerfung der Epochen) nur der Schauspieler den Zufall ins Spiel bringen kann, sein Körper der Kies, in den der Text sich einschreibt und verliert mit der gleichen Bewegung, Substitut für andre Körper, die dem Massaker der Ideen ausgesetzt sind, dem tödlich-faktischen Wort, das Hölderlin aus der Sophokleischen Tragödie grub, damit er sich die Stirn daran zerschlagen konnte, weil es seine Gegenwart nicht mehr begriff, dem Wort als Tatsache, dem Mord aus Worten, dem Terror, der einsetzt, wenn Praxis theoretisch wird, wie die Jagd des Ödipus nach der Wahrheit des Orakels.“


Odysseus. Philoktet. Neoptolemos

„Wie Jason, der erste Kolonisator, der auf der Schwelle vom Mythos zur Geschichte von seinem Fahrzeug erschlagen wird, ist Odysseus eine Figur der Grenzüberschreitung. Mit ihm geht die Geschichte der Völker in der Politik der Macher auf, verliert das Schicksal sein Gesicht und wird die Maske der Revolution.“

„Der Verbannte Philoktet, auf seine tierische Existenz reduziert durch eine politische Entscheidung, probt seine Heimkehr in die Menschheit, indem er den Funktionär seiner Verbannung zum Vierbeiner macht.“

„Neoptolemos, der den in die herrschende Verkehrsform nicht mehr Integrierbaren aus dem Verkehr zieht, bringt die Sache auf den Punkt ..., sein Aktionsradius ist der weiteste, weil sein Horizont der engste ist.“


Schauspielwerkstätten

Die Regisseure Carla Bessa, Lukas Langhoff und Enrico Stolzenberg arbeiteten in drei parallelen Workshops mit Schauspielern und Schauspielstudenten an einer Szene aus „Philoktet“.

Die Arbeit der brasilianischen Regisseurin und Choreographin Carla Bessa basierte auf der Tradition eines stark körperorientierten Theaters. Über den Körper wurde eine Annäherung an die Figuren und an den Text erprobt und ein Raum vor der Sprache für die Sprache geschaffen.

Enrico Stolzenburg ging in seinem Workshop der Frage nach dem individuellen Spielraum im Moment der Entscheidung zur Lüge nach, zum Verrat, zum Mord.

Lukas Langhoff setzte sich mit dem Kampf zwischen Philoktet und Odysseus auseinander, wie sich der Text des Politischen in den Körper (des Schauspielers) einschreibt.


Werkstatt Chorarbeit

Der Regisseur B.K. Tragelehn arbeitete mit Schauspielern und Schauspielstudenten an den Moeglichkeiten der Herstellung eines Chores. Als Material diente ihm der Text „Herakles 2 oder die Hydra“, Intermedium aus „Zement“, den Heiner Müller, so Tragelehn, stets als Chortext verstanden hat.


Dramaturgiewerkstatt

Parallel zu den Schauspielwerkstätten setzten sich Dramaturgen, Dramaturgiestudenten und Theaterwissenschaftler gemeinsam mit Wolfgang Storch und den Theaterleuten und Wissenschaftlern der Abendprogramme mit Heiner Müllers Dramaturgie auseinander und erarbeiteten ein Material zu „Philoktet“.

Der Arbeitsprozess wurde diskutiert und dokumentiert. Arbeitsproben und Ergebnisse der Werkstätten wurden am 12. September öffentlich vorgestellt.

Beteiligte: Henning Diessner, Alexander Ernst, Yvonne Gebauer, Lappiyul, Janine Ludwig, Anja Quickert, Tatjana Rauch, Peter Caspar von Salis, Johanna Sandberg, Georg Schmalzriedt, Berit Schuck, Elena Sinanina


Vorträge und Lectures

Die „Heiner Müller. Werkstatt Philoktet“ wurde von öffentlichen Lectures und Vorträgen begleitet. Alle Interessierten waren eingeladen, den von Heiner Müller geführten Diskurs weiterzutragen.

Die Regisseure Dimiter Gotscheff, Matthias Langhoff und B.K. Tragelehn berichteten über die Ansätze für ihre Inszenierungen von „Philoktet“. Etel Adnan, Francesco Fiorentino, Peter Kammerer und Wolfgang Storch analysierten die Figuren und Konstellationen bei Heiner Müller und Sophokles. Alexander Karschnia untersuchte die Kriegs/Maschinerie anhand von Philoktet und Odysseus. Michael Marmarinos berichtete über seine Arbeit mit Texten von Heiner Müller, die ihm als griechischem Regisseur den Zugang zur griechischen Tragödie neu eröffnet haben. Jean-Pierre Morel sprach über den „Grenzfall Odysseus“, einer von Heiner Müller immer auf neue Weise beschriebenen Figur.


Ausstellung/Recherche

Der mexikanische Fotograf Alejandro Gómez de Tuddo führt seine Recherche zu „Philoktet“, die er im Frühjahr 2004 in Rom in einem von Francesco Fiorentino organisierten Seminar zu "Philoktet" begonnen hatte, im Rahmen der Werkstatt fort, eine Konfrontation seiner fotografischen Arbeiten mit Texten aus Heiner Müllers Stück.

Es entstand die Ausstellung GIOCO MORTALE: LA VITA, eine Zusammenstellung grandioser Fotografien der "nature morte", ein Plädoyer für das Leben, die Alejandro Gómez de Tuddo während der gesamten Werkstatt in der Haupthalle des Bewag-Gebäudes zeigte.


Konzept, Gesamtleitung
Klaudia Ruschkowski, Wolfgang Storch

Produktionsleitung
Jan-Philipp Possmann

Assistenz
Vera Palme

Ausstellungstechnik
Christian Maith

Downloads:

© Neues Deutschland[1]

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