Fatzer

von Wolfgang Storch (2001)

Brecht hatte 1926 mit der Arbeit an dem Stück Der Untergang des Egoisten Fatzer begonnen. Er operierte mit Texten und Konstellationen, die sich in das Verfaßtsein der Deutschen eingeschrieben hatten, ihr Verhalten prägten, wie sie sich in Dantons Tod, Faust und Nibelungenlied zeigten. Deren Strukturen verwendete er – oder konnte sie entdecken – in der Konstellation der vier Deserteure aus dem 1. Weltkrieg. Hier fand er ein Gefäß, in dem er den Zustand sichtbar machte, in den Deutschland geraten war, sich selbst nach zehn Jahren Republik zerstörend: Wie die Deserteure, aufgefordert von Fatzer, den Krieg abgebrochen haben, so ist der Krieg noch nicht zu Ende, denn was sie suchten, was Fatzer ihnen verhieß, die Revolution, das konnten sie nicht finden, da war nichts, dem sie sich anschließen konnten.

Fatzer ist ein Antitheos, gottverlassen. Die anderen verstehen ihn nicht und folgen ihm. Seine Kraft, nein zu sagen, zehrt sie aus. Wie früher die Geister aus der Vergangenheit kamen, erfährt Fatzer, kommen sie jetzt ebenso aus der Zukunft. Woraus er die drei führen wollte, aus dem Krieg, sie kehren in ihn zurück. Fatzer hat sie in eine Isolation geführt, auf die sie mit Selbstzerstörung reagieren. Sie beschließen, Fatzer zu töten, weil er sich ihren Beschlüssen widersetzt.

Als Brecht 1929 das Material neu organisieren wollte, machte er aus Fatzer den Egoisten, aus dem Sprecher der drei von ihm Verführten den Funktionär. Aber das Material war stärker, die Geister, die er beschworen hatte, waren die wirkenden Kräfte.

Das Material war die Lehre, eine Lehre auch gegen die nun von ihm gesuchte Lehre. Die Kunst, der Erkenntnisdrang lassen sich nicht instrumentalisieren. Die Interessen kollidieren. Aus diesem Zusammenstoß heraus entstand eine Textform, eine Sprachform, der Fatzer-Vers.

aus: Wolfgang Storch, Gesamtkunstwerk, Ästhetische Grundbegriffe, Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Band 2, Stuttgart – Weimar 2001

© Ute Schendel[1]

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