Philoktet

(2005)

Philoktet war Heiner Müller bereits ein Gegenbild, als er zu schreiben begann. Mit zwanzig Jahren, 1949, als die DDR gegründet wurde Er schrieb das Gedicht Philoktet 1950. Seine Fassung der Tragödie des Sophokles entstand zwischen 1958 und 1964. 1965 wurde das Stück in der Zeitschrift „Sinn und Form“ veröffentlicht. Am 13.7.1968 kam es in der Inszenierung von Hans Lietzau zur Uraufführung am Residenztheater München. Die DDR-Erstaufführung folgte erst 1977 in einer Gemeinschaftsinszenierung von Alexander Lang, Christian Grashoff und Roman Kaminski am Deutschen Theater Berlin.

Sophokles hatte mit Philoktet die erste Tragödie ohne Protagonisten, mit drei gleichberechtigten Figuren geschrieben, auf jeden kommt es in gleicher Weise an. Aufgeführt in Athen 409 v. Chr., im 22. Jahr des Krieges gegen Sparta. Ein Jahr nach einem Fest der Versöhnung im Dionysos-Theater, dem eine neue Verfassung folgte. Beschlüsse wurden gefasst. Die Verbannten sollten zurückkehren. Aber das Notwendige geschieht nicht: Die Politiker und Heerführer verhindern mit ihrem Machtstreben den gemeinsamen Weg, der notwendig ist, um den Krieg zu beenden.

Heiner Müller bereitete das Material Ende der fünfziger Jahre vor. Er schrieb es nach dem Mauerbau. Der Weg, sich in dem hierarchischen System, das im Wechselspiel von Partei und Staat seine Geschlossenheit manifestierte, Raum zu schaffen, bestand darin, die Logik des Vordenkers und die Logik des Apparates anzunehmen und von da aus zu operieren. D.h.: Auf der Bühne zu zeigen, was dem Körper geschieht, der dieser Logik folgt, aus ihr heraus den Weg bestimmt. Nicht als der Böse, sondern als einer, der aushalten muss, austrägt, was das Ziel bestimmt, was die Machtsicherung einfordert. Odysseus, der nicht in den Krieg gegen Troja ziehen wollte, durch seine Klugheit jetzt der Chefstratege der vereinigten griechischen Heere, ist der Gegenstand: „das erste politische Tier“. Seine Tragik, verfügen zu können über die Menschen unter dem Diktat einer Logik, die das Ziel, unter dessen Namen sie auftritt, von innen heraus zerstört.

Diese Logik sichtbar zu machen und ihr selbst nicht zu unterliegen, sich ihr auszusetzen und sich dadurch von ihr freizuhalten, liegt in der Macht der poetischen Sprache. „Keiner handhabt so souverän wie Müller den Vers als Grenzereignis.“, schrieb Peter Hacks 1966, als Philoktet in der Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienen war, veröffentlicht nach der Uraufführung in München 1968 in Theater heute 1969, „Der Philoktet-Vers, das ist das Höchstmaß an innerer Spannung, das man einem Vers anmuten kann, ohne ihn der Qualität erlesener Reinheit zu berauben. Klassische Literatur spiegelt die tatsächliche Barbarei der Welt im Stoff wider und ihre mögliche Schönheit in der Form; diese Maxime scheint im Philoktet erfüllt.“

© Heidi Paris/Merve Verlag[1] Margit Broich[2][3] Ute Schendel[4]

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