Philoktet / Fatzer

(2005)

Die Bearbeitung des Fatzer-Materials markierte einen Höhe- oder Wendepunkt in Heiner Müllers Auseinandersetzung mit Brecht. Fatzer war für Müller „ein Objekt von Neid. Das ist ein Jahrhunderttext, von der sprachlichen Qualität her, von der Dichte.“ Und: „Die in Fatzer formulierte Endposition ist eigentlich diese: Und von heute an und für eine lange Zeit wird es auf dieser Welt keine Sieger mehr geben, sondern nur noch Besiegte. Das ist eine Formulierung von 1932. Und das ‚Furchtzentrum‘, wenn man mal etwas vereinfacht formulieren will, war die Angst vor dem unauflösbaren Clinch von Revolution und Konterrevolution.“

„Es gibt eine Stelle im Fatzer,“ schreibt Milena Massalongo in ihrem Text „Anmerkungen zu Philoktet. Für eine andere Darstellung des Opfers“ für das Arbeitsbuch „Die Lücke im System. Philoktet / Heiner Müller, „wo Koch Fatzer belehrt, dem es in einem manchmal vorschnellen Sinn ums Überleben geht: ‚So schlecht, Fatzer, ist eben unsere Lage, dass / Weniger als die ganze Welt uns nicht helfen kann / Also muss ein Plan, uns zu helfen / der ganzen Welt helfen.‘ Benjamin hat einmal bemerkt, die ungeheure Geschicklichkeit von Marx sei gewesen, die jahrhundertelange und ungeheure Frage nach der sozialen Gerechtigkeit auf die äußerst drängende Frage des Hungers einzuengen. Nur wenn es ums Überleben geht, öffnet sich halb ein Spalt, durch den andere Kraftfelder, falls sie sich dort aufhalten, einbrechen können.

Mit diesem Problem der „geschichtlichen Dringlichkeit“ geht auch der Philoktet um: Odysseus als gelernter Fatzer, dem es auch nur ums Überleben geht, der aber verstanden hat, dass man die Situation nicht überleben kann, wenn man sie nicht ändert. Oder der diese Lüge behauptet, damit die Situation geändert wird. - Dass ein ausgewiesener Lügner davon spricht, macht die Notwendigkeit fragwürdig.

Wie im Fatzer geht es auch in Philoktet um eine Mißbilligung des nützlichen Denkens. Nur geht Odysseus damit sozusagen auf eine praktischere Weise um als Koch, indem er das Problem umgeht. Anstatt das Schädliche auszuschalten, versucht er es selbst zu benutzen. Durch diese List gerät das Lehrstück an eine historische Grenze: es geht dort nicht mehr darum, jene praktische Perspektive einzuüben. Die Frage lautet anders: Wie lernt man, ohne dass die anderen lernen, und ohne sie auszuschalten, sondern mit ihnen und durch ihre unbewusste Hilfe eine Situation herzustellen, die für das Lernen geeigneter ist.“

© Ute Schendel[1] Angelus Novus[2] Margit Broich[3] Heidi Paris/Merve Verlag[4]

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