DAVID MARTON: HAMLET IN B.

(2007)

David Marton

Antwort auf die Einladung zur Mitarbeit an HiB
in einem Brief vom 14. August 2006

Für mich ist die erste, die entscheidende Frage: Wo findet die Arbeit statt? Heiner Müllers Grundidee von HiB bezieht sich konkret auf die Stadt Budapest. Und das finde ich auf den ersten Blick für mich das wirklich Interessante: einer der bedeutendsten deutschen Autoren und Dramatiker der Nachkriegszeit richtet seinen Blick auf diese Stadt - wenn auch politischer Ereignisse wegen - und projiziert auf sie eine komplexe Gedankenwelt. Budapest als Projektionsfläche aus deutsch-historischem und theatralem Blickwinkel, das ist aus meiner jetzigen persönlichen wie beruflichen Perspektive sehr spannend. Da ich seit zehn Jahren in Berlin lebe, habe ich den intensiven kulturellen Kontakt zu Budapest verloren. Es sind zwei Städte die sich extrem schnell verändern. In Berlin ändert sich das Gesicht der Stadt rasanter, die Gesellschaft folgt dieser Entwicklung langsamer, in Budapest ist das umgekehrt. Die Fassade der Stadt wird zwar verschönt und "kapitalisiert", was sich wirklich rasant und entscheidend geändert hat in den letzten zehn Jahren, das sind die Menschen und die Beziehungen der Menschen zu einander und zur Politik. Ich kenne also das „alte“ Budapest und das jetzige Berlin. Mit dem Theater begann ich mich erst in Berlin auseinanderzusetzen. Wenn man überhaupt von Theatertraditionen sprechen kann, dann fühle ich mich viel näher an die hiesige Theaterästhetik gebunden, als an eine aus Budapest.... Vielleicht nicht nur Hamlet in Budapest, sondern Heiner Müller in Budapest. Ich finde es lohnt sich, Budapest entlang seiner Gedanken und seiner Ästhetik als Material zu betrachten. Ich will in Budapest arbeiten und dort das Material „auf der Straße“ finden. Ich frage mich auch, was meine Herkunft, außer eine biographische Notiz zu bleiben, zum Projekt beitragen kann. Ich könnte so etwas wie ein Touristenführer werden, einer, der die Texte und Gedanken – also das zu bearbeitende Material – durch die Stadt führt und dabei selbst eine Beobachtung führen kann: Was, wo, wie ist Budapest heute – vor dem Hintergrund von Heiner Müllers Stück.


David Marton

Geboren 1975 in Budapest, lebt und arbeitet seit 1996 in Berlin. Pianist und Musiktheaterregisseur.
1994-1999 Klavierstudium an der Franz Liszt Musikakademie in Budapest und an der Universität der Künste Berlin. 1999-2001 Dirigierstudium an der Hanns-Eisler Hochschule für Musik, 2002-2004 Studium der Musiktheaterregie an der Hanns Eisler Hochschule für Musik in Berlin.
Als Bühnenmusiker Arbeiten u.a. mit Frank Castorf, Johannes Grebert, Christoph Marthaler, Árpád Schilling, Volker Hesse.

Regiearbeiten in Berlin:
2003:"Zweite Station", Musiktheater nach G.W. Gluck und Max Frisch, Probebühne der Schaubühne
2004:"Nackt enblößt, sogar", ein Musiktheaterabend nach dem "Freischütz", Villa Elisabeth, in Koproduktion mit den Sophiensaelen
2005:"Lukullus-Etüde", ein Musiktheater-Beitrag zur Reihe "40 Jahre DDR" im Maxim Gorki Theater
"Fairy Queen oder Hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt", Sophiensaele, ein Musiktheaterprojekt nach Henry Purcell
2006:„Der feurige Engel“, Sophiensaele
2007:„Café Vaterland. Eine Matthäuspassion“, Maxim Gorki Theater

© Neues Deutschland[1] Christopher Martin[2]

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