HAMLETMASCHINE

(2007)

Der Aufstand beginnt als Spaziergang.

Konfrontiert mit den politischen Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956, wurde Hamlet für Heiner Müller zu einer zentralen Denkfigur gegenüber der sozialistischen Herausforderung: einem Programm der Erneuerung und einem Apparat, der dieses Programm zunichte machte. Die politische Geschichte Ungarns war für ihn ein radikaler Schauplatz, um in der Differenz die politische Situation in der DDR zu betrachten, wie er sie bereits mit dem 17. Juni 1953 erfahren hatte. Der Blick nach außen als ein Blick nach innen.

Anfang der sechziger Jahre nahm Heiner Müller die Arbeit an „Hamlet in Budapest“ auf, abgekürzt in seinen Manuskripten als HiB. Unter den damaligen Maßgaben der Kulturpolitik der DDR – er selbst nach dem Verbot seines Stücks „Die Umsiedlerin“ 1961 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen – war an eine Realisierung des Projektes nicht zu denken. Nach seinem ersten USA-Aufenthalt 1975/76 übersetzte er „Hamlet“ gemeinsam mit Matthias Langhoff für Benno Bessons Inszenierung an der Volksbühne. Parallel dazu arbeitete er sein Material HiB durch. Ergebnis war im Sommer 1977 die „Hamletmaschine“. Ein Text – Monologe von Hamlet/Darsteller und Ophelia – in dem sich historische wie aktuelle Auseinandersetzungen und Erfahrungen seit 1956 auf zwölf Seiten verdichteten. Mit einem dionysischen Beat herausgetrieben: das Nein zu dem, was ist: „end of dream“. Der Hamletdarsteller sieht sich „auf beiden Seiten der Fronten, zwischen den Fronten, darüber“. Gespalten in den, der auf der Seite von Claudius steht, der Macht, und den, der auf Seiten von Laertes ist, dem Aufstand: „Ich sehe, geschüttelt von Furcht und Verachtung, in der andrängenden Menge mich, Schaum vor meinem Mund, meine Faust gegen mich schütteln.“ Ihm gegenüber die Selbstmörderin Ophelia, die zu Elektra, zur Rächerin, wird. Sie kündigt den Terror an: „Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“

Nach der „Hamletmaschine“ arbeitete Heiner Müller an HiB weiter. Bis zu seinem Lebensende sammelte er Material, das ihn selbst betraf – er gegenüber der Hamlet-Figur, durch die er eigene Erfahrungen zu fixieren und historische Konstellationen zu aktivieren suchte. HiB blieb ein nie abgeschlossenes Projekt im Zentrum von Heiner Müllers Arbeit.

© Margit Broich[1][4] Heidi Paris/Merve Verlag[2][3]

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