Alexander Weigel

Dramaturg, Autor

†13.1.2020

„the readiness is all“ - Hamlet
Für Alexander Weigel

Er komme nicht zu Eastwoods „Mule“ ins B-Ware-Laden-kino, unserem Lieblingstreff, sagt er am Telefon. Seit drei Stunden liege er in der Notfallklinik, vom Becken abwärts gelähmt. Metastasen in der Wirbelsäule. Soeben entdeckt, und sehr spät. Der Tumor dazu lässt sich nicht finden.
Im März 2019.
Zehn Monate später stirbt er.
Die Zeit dazwischen erlebe ich staunend, froh staunend.
Für`s nächste Jahr bucht er das Gästezimmer im Nietzsche-Haus in Sils-Maria. Für sich und Blanche, um den nächsten Hochzeitstag zu feiern dort, wo sie
geheiratet haben. Er liegt inzwischen auf der Palliativstation.
Eine Untersuchungskaskade lehnt er ab. Es soll kommen, wie es kommt.
Furcht und Hoffnung sollen sich die Waage halten.
Stattdessen zieht er Ärzte, Schwestern und Pfleger in Gespräche über Geschichte und Politik, über die Künste und das Theater.
Nach vier Wochen – es geht ihm nicht schlechter und sein Zimmer wird gebraucht für Sterbende – zieht er um ins Hospiz. Ort baldigen Todes. Er lässt sich therapeutische Maschinen liefern für die Beinmuskulatur und schickt mir Videos mit Choreografien seiner tanzenden Fußzehen.
Dann führt er sein Faible für die Malerei der italienischen Hochrenaissance zur rauschhaften Intensität. Andrea Mantegna war schon früher der Favorit, sein Ineinanderfügen von subtilem Realismus und elegantem Hintersinn.
Noch vor ein paar Monaten war er von München aus kurzentschlossen nach Mantua und Verona zu den Originalen gefahren. Jetzt wird Alexander zum Experten. Zur Mantegna-Bellini-Sonder-Ausstellung lässt er sich ins Kunstforum fahren und studiert sie im Rollstuhl mit dem Opernglas.
Durch hohe Fenster geht sein Hospizzimmer auf eine weite Wiese, darauf eine Herde Schafe, schwarze meist. Dieses Zimmer macht er zu einem veritablen Studienraum.
An die Wände kommen faksimilierte Skizzen und Bilddetails. Zwei schön gearbeitete Bücherregale lässt er kommen und füllt sie stetig mit Bildbänden und kunsthistorischen Abhandlungen. Bald ein drittes. Er korrespondiert dazu mit Antiquaren in Mailand, München und Wien. Meine Besuche bei ihm werden oft weit schweifende Exkursionen zu entlegenen Denkräumen.
Zum Ritual dabei wird die Tarte au citron meringuèe, die ich auf dem Weg zu ihm in Cathrines französischem Bistro mitnehme. Danach feinen weichen Chianti, den er immer da hat. Zuweilen Sherry, den José Maciàn oder ich mitgebracht haben.
Hochachtungsvoll pflegt ihn das Hospizpersonal. Es wird dringlicher. Am 30. Dezember, seinem Geburtstag, komme ich mit Jan-Peter Sonntag, den er sehr schätzt. Für Alexander improvisiert er auf seiner Jazzposaune
weit ausgreifend zu Motiven eines Mangelsdorff-Solos.
Dann lebhafter Austausch über die musikalischen und die darstellende Künste und ihre Berührungen. Zwischendurch ruft Maik Hamburger an und gratuliert.
Beim Abschied verabreden wir das nächste Treffen.
Es kommt nicht mehr dazu.
Am Abend zuvor geht er.

Viel ist die Rede vom würdevollen Sterben.
Alexander hat es gelebt.

Detlev Schneider


Biografie:
1935 Zwickau/Sa.
1954-1958 Studium der Geschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig bei den Historikern Ernst Engelberg und Walter Markov u.a. sowie Philosophie- und Literaturgeschichte bei Ernst Bloch und Hans Mayer; zunehmend intensivere Arbeit in der Studentenbühne Leipzig. 1958-1960 Regie- und Dramaturgie-Assistent am Volkstheater Rostock, 1960 Dramaturg am Theater Greifswald. 1963/64 Redakteur der Zeitschrift Theater der Zeit, Berlin; 1964-2001 Dramaturg am Deutschen Theater Berlin; langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Adolf Dresen, Dramaturg der Inszenierungen Heiner Müllers Der Lohndrücker (1988), Hamlet/Maschine (1990) und Mauser (1991). Publikationen zur Theatergeschichte Berlins (Blätter des Deutschen Theaters, 1986-1992; Das Deutsche Theater. Eine Geschichte in Bildern, 1999; (Hg.) Siegfried Jacobsohn, Gesammelte Schriften, 2005), zu Heinrich von Kleist und zu Heiner Müller.

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