Müllersalon #12: „In der Gegenwart leben ist bewußtlos leben“ (oder Wie der Autoritarismus der Präsenz den Vergangenheitskeller schließt)

Eine Lecture von Marcus Steinweg zu Heiner Müller

24. Februar, 18 Uhr
Deutsches Theater Berlin, Saal

„‘Das Einverständnis mit dem Gegenstand trennt die Literatur vom Journalismus’, sagt Heiner Müller: ‘Die Voraussetzung für Kunst ist Einverständnis’. Die Einverstandenen wollen mit dem Wirklichen kooperieren, um es zu verändern: ‘Man kann es überhaupt nicht beeinflussen, wenn man nicht mit ihm einverstanden ist.’ (...) Einverständnis impliziert kein Urteil. Die Einverstandenen riskieren einen Realitätsbezug ohne Wertung.“
Im Jahr 2004 hielt der Philosoph Marcus Steinweg in der Berliner Akademie der Künste einen Vortrag über das „Subjekt der Überstürzung“; Anlass war Heiner Müllers 75. Geburtstag. Seitdem kehrt Steinwegs unentwegtes Nachdenken über Kunst, Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirklichkeit, Moral oder Liebe immer wieder zu Heiner Müller zurück – und stößt sich von dessen Gedanken ab: zuletzt von Müllers kritischer Analyse des marktwirtschaftlich geprägten „Zeitgeists“ einer „totalen Gegenwart“, die er bereits Anfang der 90er Jahre diagnostizierte. „Der Autoritarismus der Präsenz arbeitet an der Einmauerung des Subjekts in seiner Gegenwart“, schreibt Steinweg nun mit Müller. „Man treibt im Strom des Bestehenden wie in einem alternativlosen Milieu. Dass es Zukunft gibt, heißt nicht, dass es morgen und übermorgen etc. weitergeht. Es heißt vielmehr, dass die Chance, dass es so nicht weitergeht, sondern anders, nicht ausgeschlossen ist.“ Denn „Wer ohne Zukunft ist, ist ohne Fantasie – und somit politisch neutralisiert.“

Publikumsgespräch im Anschluss an die Lecture

Marcus Steinweg ist Philosoph, Autor und Hochschullehrer für Bildende Kunst; er lebt in Berlin und Paris. Neben eigenständigen Publikationen gibt er gemeinsam mit Wilfried Dickhoff im Berliner Merve Verlag die Zeitschrift „Inaesthetics“ heraus, die sich thematisch an der Schnittstelle zwischen Kunst und Philosophie bewegt. Außerdem arbeitet er seit Jahren mit den Künstler*innen Thomas Hirschhorn und Rosemarie Trockel zusammen. Seine eigenen Vorträge versteht er als Performances freien Denkens.

Tickets: https://www.deutschestheater.de/programm/a-z/muellersalon_12/

© Christopher Martin