Müllermeeting #3

Müllermeeting #3
1. Juli 2024
Mit Janine Ludwig und Jens Pohlmann


1. Erstes Jahrbuch der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft

Janine Ludwig

Das erste Jahrbuch der IHMG wird von Norbert Otto Eke, Janine Ludwig und Florian Vaßen herausgegeben. Es erscheint im Sommer 2024 und besteht aus zwei Teilen:
Der erste enthält neben einem Vorwort vier wissenschaftliche Aufsätze zu einem Themenschwerpunkt, in diesem Fall „Heiner Müllers Natur“. Der zweite Teil besteht aus Müllermaterial, d.h. Fundstücken, besonderen künstlerischen Projekten und Miszellen.
In diesem Band sind dies u.a.:
- eine bisher unveröffentlichte Fernsehreportage, die Heiner Müller 1963 im Zusammenhang mit Recherchen zum Stück Der Bau geschrieben hat,
- ein bisher unveröffentlichtes Gespräch mit Müller vom 23.11.1975 in Madison, Wisconsin (USA),
- Müller-Zitate zur Natur,
- ein Empfehlungsbrief von Müller für die 2023 verstorbene Helen Fehervary,
- Müllers Begeisterung für Otto Ludwigs Shakespeare-Analysen,
- außergewöhnliche IHMG-Projekte wie das Laibach-Musical Wir sind das Volk, der Ukraine-Film Das Hamlet-Syndrom, und andere Müller-Projekte wie die Lanzelot-Oper und die Horizonte-Inszenierung.
Das Jahrbuch wird ermöglicht durch die großzügige Unterstützung des Dickinson College, Pennsylvania (USA), Ginka Tscholakowas und der Universität Paderborn.


2. The Creation of an Avant-Garde Brand. Heiner Müller’s Self-Presentation in the German Public Sphere
von Jens Pohlmann
(Monografie, Reihe: German Life and Civilization, Peter Lang: 2023)
Ende letzten Jahres erschien von Jens Pohlmann eine Heiner-Müller-Monografie in englischer Sprache. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das sogenannte Markenmanagement („Branding“) zu einer entscheidenden Technik. Sie hat die Art und Weise verändert, wie wir Politik und Waren, aber auch Kunstwerke und Autoren wahrnehmen. Diese Entwicklung hat die traditionelle Vorstellung von Authentizität ebenso in Frage gestellt wie die Absicht, sich kapitalistischen Vermarktungspraktiken zu widersetzen. Pohlmann untersucht, inwieweit ein Autor wie Heiner Müller „Branding“-Strategien einsetzte, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und welche Auswirkungen dies auf seine öffentliche Wahrnehmung hatte. Am Beispiel Müllers wird die Selbstdarstellung eines werbenden Autors analysiert, der sich auf die Ideale der Avantgarde und der künstlerischen Kapitalismuskritik berief. Doch Müller hat sich auch in die Medien einer Mainstream-Öffentlichkeit eingebracht, die stark von den Gesetzen des Marktes beeinflusst ist. Pohlmann geht der Frage nach, ob Müllers Verwendung von Marketingmethoden und Medienumgebungen seine Glaubwürdigkeit als Außenseiter und damit die Integrität seines Werks untergraben hat oder ob er Strategien entwickeln konnte, um sich mit Marketingprinzipien und den Medien auf eine Art und Weise auseinanderzusetzen, die es ihm ermöglichte, subversiv zu bleiben, indem er vielleicht gleichzeitig sowohl mit dem System als auch gegen das System arbeitete.

„Pohlmanns Studie über Müllers Medienpräsenz ist eines der wenigen englischsprachigen Bücher über diesen wichtigen Nachkriegsdramatiker der letzten zwei Jahrzehnte. Eingebettet in eine Diskussion über Avantgarde-Ästhetik und ‚Branding‘ innerhalb kapitalistischer Marktkontexte untersucht ihr nuancierter Fokus Müllers Strategien, sich im Ost-West-Gefälle vor und nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 zurechtzufinden.“ (Marc Silberman)

„‚The Creation of an Avant-Garde Brand‘ ist eine beeindruckende wissenschaftliche Leistung, die unser Verständnis der deutschen Nachkriegskultur im Allgemeinen und Heiner Müller im Besonderen erweitert. Pohlmann zeigt überzeugend, dass Müllers Status als führende Figur der Avantgarde vor dem Hintergrund seiner dynamischen Auseinandersetzung mit der Massenkultur verstanden werden muss.“ (Matthew W. Smith)

The Creation of an Avant-Garde Brand - Peter Lang Verlag

© Ute Schendel[1][2]