Müllersalon#9: Das Gras noch müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt.

Ein „Mauser“-Kommentar von Franziska K. Huhn, Johannes Meier und Sir Henry

22. Mai 2018

1970 schrieb Heiner Müller das Lehrstück „Mauser“, inspiriert durch die Figur des Revolutionärs Buntschuk, der in Michail Scholochows Roman „Der stille Don“ an der wochenlangen „Arbeit“ des Tötens verzweifelt. In Müllers Adaption, einer durch Rückblenden gedehnten Sterbeszene, muss sich der Revolutionär A vor dem Revolutionstribunal der Partei (Chor) für seine „Arbeit“ im Dienste des roten Terrors in der Stadt Witebsk rechtfertigen. Neben zahllosen Konterrevolutionären hatte er auch seinen Vorgänger B erschossen, weil dieser Mitleid mit den Bauern, den „Feinden der Revolution aus Unwissenheit“, zeigte. Dass A zuletzt im Rausch tötet, ist sein menschliches wie politisches Versagen – das Kollektiv verlangt sein Einverständnis in die eigene Auslöschung.

In ihrem eigens für diesen „Müllersalon“ verfassten Kommentar „MAUSER KOMM.“ laden die Autorin Franziska K. Huhn, der Schauspieler Johannes Meier und der Musiker Sir Henry das Publikum zu einer Zeitreise ein: vom russischen Witebsk gegen Ende des russischen Bürgerkriegs 1922 über die Uraufführung von „Mauser“ 1975 in Texas, Müllers eigener Inszenierung 1991 im Deutschen Theater bis hin zu einer gesamtdeutschen Gegenwart, der die wirklichkeitsverändernde Kraft abhanden gekommen zu sein scheint – während weltweit die Kriegsschauplätze zunehmen. „Das einzige, was ein Kunstwerk kann,“ erklärte Heiner Müller einmal, „ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“

Deutsches Theater Berlin
Rangfoyer, 20 Uhr

© Ute Schendel[1][4] Heidi Paris/Merve Verlag[2] Margit Broich[3]

< ZURÜCK