Call for papers: Jahrbuch IHMG

Jahrbuch der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft 1 (2024)
Hg. von Norbert Otto Eke, Janine Ludwig und Florian Vaßen


Die Internationale Heiner Müller Gesellschaft wird ab 2024 im Aisthesis Verlag ein Jahrbuch herausgeben, in dem Forschungsergebnisse, Archivfunde und Materialien sowie kleinere Beiträge wie Rezensionen und Projektbeschreibungen veröffentlichen werden. Für die erste Ausgabe dieses Jahrbuchs mit einem thematischen Schwerpunkt zum Naturdiskurs bei Heiner Müller erbitten wir Beiträge im Umfang von ca. 15 Seiten Länge (5.000 Wörter/30.000 Zeichen).

Das Thema des Jahrbuchs führt weit hinein in ein Feld agonaler Auseinandersetzungen, dessen Aktualität außer Frage steht. Der Mensch zerstört im Anthropozän zunehmend die Natur und damit seine eigene Lebensgrundlage, er führt ‚Krieg‘ gegen die Natur, die sich in Form ökologischer Katastrophen ‚wehrt‘. Dem Theater stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage nach neuen Aufgaben, Arbeitsweisen und Zielen, nach veränderten Themen und Konstellationen und einer neuen Ästhetik und Form, wie sie beispielsweise in Frank Raddatz‘ Das Drama des Anthropozäns (Berlin 2021) oder Thomas Oberenders Gaia-Theater (Berlin 2022) Gegenstand sind. Zu nennen wären hier auch die Verbindung von Literatur und Natur im Konzept des Nature Writing, das Modell des Ecocriticism (Gabriele Dürbeck/Urte Stobbe, 2015; Benjamin Bühler 2016) und ökofeministische Ansätze, wie sie Karen J. Warren in ihrem Buch Ecofeminist Philosophy (Lanham, MD 2000) diskutiert hat.
Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Ansätze richtet sich der Blick des Jahrbuchs auf die einem beständigen Wechsel unterworfenen Konfigurationen und Konstellationen der Natur und ihrer Bedeutung innerhalb von Müllers Dramen- und Theaterarbeit, angefangen bei den Stücken der 1950er und 1960er Jahre, die aus der Kollision körperlich konnotierter Glücksansprüche mit den utopischen Projektionen des Kommunismus/Sozialismus heraus den Blick schärfen für die Rationalität der Ökonomie als Feld der Zurichtung der Körper-Natur, bis hin zu den Inszenierungen von Natur-Revolten als inkommensurablen ‚Reserven‘ der Utopie im Spätwerk. Am einen Pol der Natursemantiken steht die Industrialisierung der Natur und ihre Beherrschung durch den Menschen als Fortschrittsmetapher im Komödienmodell des Herakles 5-Dramoletts, am anderen Pol die aus den existentialontologischen Négritude-Dichtungen Aimé Césaires und Leopold Sedhar Senghors gespeiste Bestimmung der Revolution als elementare Naturgewalt, mit der Müller in Der Auftrag der anthropozentrischen Wesensbestimmung der Geschichte ein irrationales Modell der sich gegen ihre Verdinglichungen, Versklavungen und Verstümmelungen ‚rächenden‘, der ‚zurückschlagenden‘ Natur-Landschaft als Prinzip der Befreiung entgegenstellt.


Das widersprüchliche, fluide und brüchige Feld des hierin sich spiegelnden Denkens in den Bildern der Natur scheint uns bislang noch nicht hinreichend systematisch behandelt worden zu sein. Das angekündigte Jahrbuch sucht von hier aus – möglichst im interdisziplinären Gespräch von Literatur- und Theaterwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Philosophie – eine Lücke zu schließen.

Erbeten werden Beiträge zu folgenden Bereichen bei Müller:
-Metaphorisierungen der Körper-Natur (Körper und Natur)
-die Industrialisierung der Natur als Freiheitserfahrung
-Naturbeherrschung/Naturzerstörung
-Semantiken der Wiederkehr (der Natur)
-Nature-Writing (Ecocriticism) als ästhetisch-strukturelle Frage

Themenvorschläge und Exposés (maximal 1 Seite) in deutscher oder englischer Sprache werden bis zum 30. April 2023 erbeten an:

Prof. Dr. Norbert Otto Eke, Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften, 33095 Paderborn;

Email: norbert.eke@upb.de


Dr. Janine Ludwig, Universität Bremen, Dickinson College, Sportturm C 5200, Bibliothekstr. 1, 28359 Bremen;

Email: ludwig@ihmg.de


Prof. Dr. Florian Vaßen, Leibniz Universität Hannover, Deutsches Seminar, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover;

Email: florian.vassen@germanistik.uni-hannover.de

Die Entscheidung über die Annahme erfolgt zeitnah; die Beiträge in deutscher oder englischer Sprache werden erbeten zum 31.10.2023.

© Ute Schendel[1] Margit Broich[2] Heidi Paris/Merve Verlag[3][4]

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