Ein Ruf in die Stille: Für Mitko Gotscheff

In der Nacht zum 20. Oktober verlor das deutschsprachige Theater einen seiner führendsten, innovativsten Regisseure: Dimiter „Mitko“ Gotscheff. Er war 70 Jahre alt.
Der gebürtige Bulgare erlangte erstmals die Aufmerksamkeit der internationalen Theatergemeinde, als Heiner Müllers offener Brief von 1983 Gotscheffs Inszenierung seines Philoktet in Sofia pries. Der Brief endet mit den Worten:
„Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.“
Gotscheffs 37 Jahre währende Karriere als Regisseur war eben diesem Punkt gewidmet: dieses Schweigen hörbar zu machen. Er entkleidete das Theater bis auf seine essenziellsten Elemente: die Körperlichkeit und Präsenz seiner Schauspieler, der Klang ihrer Stimmen, die Materialität des Textes und die Leere des Raumes.
Gotscheff, der die griechischen Tragöden ebenso wie Büchner, Kleist, Beckett und Brecht inszenierte, kehrte immer wieder zu den Texten von Tschechow und Müller zurück. Doch über seine Hingabe zu diesen beiden Autoren hinaus galt Gotscheffs größte Loyalität der “Familie” seiner Schauspieler und künstlerischen Mitarbeiter, die sich um ihn herum in Berlin und Hamburg geformt hatte. Er begrüßte die Möglichkeiten, die der Probenprozess bietet. Zusammenarbeit war die Voraussetzung seiner Arbeit. Die Probe, so bemerkte er oft, war seine „Heimat“. Es war der Ort, an dem seine internationale Truppe, der er am meisten vertraute, und die mehrere Generationen umspannte, daheim war.
Seine Inszenierungen – erkennbar an ihrer Schlichtheit der Form, ihrer unerschrockenen Kritik sozialer Ungerechtigkeit und der intensiven Körperlichkeit seiner Schauspieler und Schauspielerinnen sowie der Klarheit ihrer Stimmen – verkörperte das Überleben nach dem Versagen von Hoffnung und Revolution. Sie feierten sowohl die Öde und die Absurdität als auch die Freuden des Lebens. Er war lange an prähistorischen Höhlenmalereien interessiert: Bilder, die in die Zukunft gesendet wurden, unabhängig von ihren Erzeugern, für spätere Generationen gedacht. Auf eben diese Weise benutzte Gotscheff das Theater, um die gesprochene Sprache durch die Zeiten zu einem zeitgenössischen Publikum zu bringen. Der Text wurde zu „Fetzen“, wie er es nannte, von Geschichte.
Diese Geschichte wurde von seinen Schauspielern verkörpert, die den Bühnenraum füllten. Die Bühne selbst verwandelte sich durch Gotscheffs Zusammenarbeit mit Designern, die das Theater als Medium der Bildenden Kunst benutzten, in einen eigenständigen Darsteller. Und während Gotscheffs Arbeit oft schwer zu verstehen oder intellektuell zu interpretieren war, konnte das Publikum es mit dem Bauch, in den Eingeweiden verstehen – den „Gedärmen“, wie er oft sagte. Gotscheffs Theater sollte gefühlt und erfahren werden.
Aufgrund seines Todes werden nun Gotscheffs jüngste geplante Theaterproduktionen nicht mehr umgesetzt werden können: eine Serie von Beckett-Inszenierungen, einschließlich Warten auf Godot (Deutsches Theater Berlin) und Endspiel (Burgtheater) sowie mehrere Kollaborationen mit internationalen Theatergruppen. Nun betrauern wir den Verlust eines Freundes und Kollegen, eines Theatervisionärs und des letzten Regisseurs, der das Werk von Heiner Müller als eine Konstante auf den Spielplänen von Theatern in ganz Deutschland hielt. Gotscheff hinterlässt seine Frau, die Schauspielerin Almut Zilcher, und ihren gemeinsamen Sohn, Aleko. Wir werden ihn von ganzem Herzen vermissen, seine Kunst, seine Wärme, seinen Humor.

• Seine preisgekrönte Produktion, Die Perser, in der Übersetzung Müllers, wird am 27. Oktober am Deutschen Theater Berlin gezeigt.
• Seine Inszenierung von Heiner Müller: Leeres Theater. Träume, Witze, Atemzüge wird am 27. Oktober am Thalia in der Gaußstraße aufgeführt.
• Eine Totenwache wird am 3. November um 11:00 Uhr am Deutschen Theater Berlin gehalten.
• Seine letzte Inszenierung, Müllers Zement, wird am 12. November am Münchner Residenztheater aufgeführt.
• Und am 11. November wird seine großartige Iwanow-Inszenierung an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin laufen. Das Rahmenprogramm dazu wird „Ein Fest für Mitko“ heißen.

- José Enrique Macián im Namen der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft (24.10.2013)



A Call into Silence: For Mitko Gotscheff
In the night leading to October 20, the German-language theatre lost one of its leading, innovative directors, Dimiter “Mitko” Gotscheff. He was 70 years old.
The native Bulgarian was first brought to the attention of the international theatre community with Heiner Müller’s 1983 open letter praising Gotscheff’s staging of his Philoctetes in Sofia. The letter ends:
When the discothèques are abandoned and the academies left desolate, the silence of theater will be heard again – that which is the basis of its language.
Gotscheff’s 37-year career as a director was dedicated to making this silence audible. He stripped theatre to its most essential elements: the corporality and presence of its actors, the sound of their voices, the materiality of text, and an emptying of space.
Directing the works of the Greek Tragedians, Büchner, Kleist, Beckett, and Brecht, Gotscheff constantly returned to the texts of Chekov and Müller. Yet, beyond his dedication to the works of these two writers, Gotscheff’s greatest loyalty was to the “family” of actors and artistic collaborators that formed around him in Berlin and Hamburg. He welcomed the possibilities of the rehearsal process. Collaboration was the prerequisite of his work. The rehearsal was, as he often noted, his “Heimat”. It was the place that his international troupe, which he trusted most, and which spanned every generation, was at home.
His stagings, recognizable for their simplicity of form, their unabashed critique of social injustice, and the intense physically of his actors and the clarity of their voices, embodied the survival after the failure of hope and revolution, while celebrating both the tediousness, the absurdity, and joy of life. He was long interested in prehistoric cave painting (Höhlenmalerei): images sent into the future, independent of their authors, meant for generations yet to come. In this way, Gotscheff used theatre to bring spoken language through time to a contemporary audience. The text became shreds (“fetzen”, to use his word) of history.
This history was embodied by his actors, who filled the space of the stage. The stage itself was transformed into a performer, in its own right, through Gotscheff’s collaboration with designers who used theatre as a medium in visual art. And while Gotscheff’s work was often difficult to understand or interpret intellectually, it succeeded in being comprehended in the audience’s gut, through its bowels – the “Gedärme” as he often said. Gotscheff’s is a theatre that is meant to be felt and experienced.
With his death, Gotscheff’s most current theatre productions will go unrealized: a series of Beckett stagings, including Waiting for Godot (Deutsches Theater Berlin) and Endgame (Burgtheater), as well as several collaborations with international theatre companies. Now, we mourn the loss of a friend and colleague, a theatre visionary, and the last director who kept the work of Heiner Müller a constant in theatre repertories around Germany. Gotscheff is survived by his wife, the actor Almut Zilcher, and their son, Aleko. He will be dearly missed: his art, his warmth, and his humor.

• His award-winning production, Die Perser, in Müller’s translation, will be performed on October 27 at Berlin’s Deutsches Theater.
• His staging of Heiner Müller: Leeres Theater. Träume, Witze, Atemzüge will be performed on October 27 at Thalia in der Gaußstraße.
• A wake will be held on November 3, at Berlin’s Deutsches Theater at 11:00.
• His last staging, Müller’s Zement, will be performed on November 12 at Munich’s Residenztheater.
• And on November 11 his great staging of Iwanow will be performed at Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. The supporting program will be called “A Celebration For Mitko”.


- José Enrique Macián on behalf of the International Heiner Müller Gesellschaft (24.X.2013)

© Margit Broich

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