Subjekt der Überstürzung. Die Blindheit des Willens und die große Politik

von Marcus Steinweg (2004)

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Mein Vortrag ist SUBJEKT DER ÜBERSTÜRZUNG.
DIE BLINDHEIT DES WILLENS UND DIE GROSSE POLITIK überschrieben.

Ich werde nicht über Heiner Müller sprechen. Ich werde zu zeigen versuchen, dass FREIHEIT MÖGLICH IST. Ich will beweisen, dass GLÜCK und VERANTWORTUNG und SELBSTBEJAHUNG möglich sind. Ich will darauf insistieren, dass es ein WAHRES LEBEN IM FALSCHEN GIBT! Ich will es mit Nietzsche und Heiner Müller tun.

1. Blinde Kunst

„Die Blindheit des Willens gehört zur grossen Politik.“ Wie Sie wissen, hat Heiner Müller diesen Satz Ernst Jüngers mehr als einmal zitiert. Die grosse Politik ist eine Art Phantasma Nietzsches. Im Namen dieser Politik und im Namen dessen, was sie zukünftig sein soll, bekämpft Nietzsche die Religion und ihre Moral des Urteils und der Verurteilung, die Logik der Strafe, die Diktatur des Gerichts. Nietzsches Politik will Anfang einer Politik jenseits ohnmächtiger Selbstgerechtigkeit und Strafe sein. Das ist die grosse Politik. Sie ist Politik der Freiheit und Selbstverausgabung des endlichen Subjekts.

Die große Politik ist Politik des Willens. Es geht darum, zu wollen. Das Große als Größe des Willens zu wollen. Die große Politik will ihren Willen, indem sie ihre eigene Größe will. Sie verzichtet auf den, gewissermaßen orientalischen, Verzicht (auf den Willen). Sie bekämpft den Widerwillen, die Rache, das Ressentiment. Nietzsches Politik ist eine Politik der Unendlichkeit. Sie ist Politik des Ewigen, dessen, was diesseits der historischen, sozio-politischen, kulturellen etc. Bedingungen passiert.

Nietzsches Politik erwägt das Unwägbare, öffnet sich dem Unmöglichen, provoziert ein Ereignis im Badiou'schen Sinn. (D.H. die Positivität eines Ereignisses, dass die positive Seinsordnung unterbricht). Das politische Subjekt ist das Subjekt dieses Wahnsinns, Agent einer Überforderung, die von ihm verlangt, das nahezu Unmögliche zu tun. Es handelt, ohne den Grund und das telos seines Handelns sichern zu können. Es riskiert eine wesenhafte oder strukturale Blindheit, die jede seiner Regungen endlos singularisiert: “Denn die Singularität“, sagt Badiou, „ist eigentlich immer dort, wo sich die Stätte der Entscheidung befindet, und jede Entscheidung ist als wahre Entscheidung letztendlich eine einzigartige Entscheidung. Genau genommen gibt es keine allgemeine Entscheidung, und insofern das, was eine Wahrheit einführt, oder das, was zu einer Wahrheit verpflichtet, oder das, was sich auf einen Fixpunkt stützt, der Ordnung der Entscheidung angehört, gehört es immer auch schon der Ordnung der Singularität an.” Vom Subjekt zu sprechen, sei es, um seine moderne Gestalt und ihre überlieferten Prädikate (Selbstbewusstsein, Freiheit, Souveränität, Autonomie) im Aufweis seiner transzendentalen Verrücktheit zu dekonstruieren, sei es, um es mit der unabweisbaren Verpflichtung zum Urteil, zur Entschlossenheit und ihrer rationalen Begründung zu konfrontieren, erfordert, das Subjekt als Stätte des unentscheidbaren Konflikts von Entschiedenheit und Unentscheidbarkeit, Autonomie und Heteronomie, Überstürzung und Aufschub zu reflektieren. Wir nennen diesen Konflikt den Krieg der différance. Mit der différance artikuliert Derrida, wie Sie wissen, nicht den einfachen Aufschub der Entscheidung, die Begrenztheit und Endlichkeit des Wissenshorizonts. Die différance benennt den Konflikt dieses Aufschubs mit der Unaufschiebbarkeit (der Entscheidung), so dass man sagen kann, dass der Aufschub selbst seine eigene Unaufschiebbarkeit und die Unaufschiebbarkeit ihren eigenen Aufschub impliziert.

Nietzsches Politik entspricht einem Denken der Erlösung und Selbsterlösung. Nietzsche erlöst nicht vom Selbst. Er erlöst das Selbst. Er erlöst das Selbst, indem er es von Ressentiment und Rachsucht erlöst. Das Subjekt soll frei sein. Es darf sich nicht in negativen Bindungen lähmen: “Der Raum dieser Freiheit von der Rache”, sagt Heidegger, “liegt in gleicher Weise außerhalb von Pazifismus und Gewaltpolitik und berechnender Neutralität.”

„Solange eine Kraft blind ist“, sagt Müller, „ist sie eine Kraft. Sobald sie ein Programm, eine Perspektive hat, kann sie integriert werden und gehört dazu.“ Weil die, sagen wir, gewöhnliche Politik, keine Politik des blinden Willens sein kann, wie es die grosse Politik von sich erwartet, wird Müller die „Interessensgemeinschaft von Kunst und Politik“ in Frage stellen, eine Allianz, die er im Gespräch mit Alexander Kluge, als „linke Illusion der letzten Jahrzehnte“ charakterisiert. „Kunst ist letztlich nicht kontrollierbar“ , sie ist eine notwendig überstürzte, kopflose, „blinde Praxis“ , die das Subjekt der Kunst an die Grenze seiner Vermögen trägt.

Die Frage der Blindheit ist keine Frage unter anderen. Sie berührt das Problem einer konstitutiven oder transzendentalen Ohnmacht, wie sie zum Subjekt als solchen gehört. Immer findet sich das Subjekt auf das Unsichtbare überschritten. Transzendentales Unsichtbares: „nicht“, wie Merleau-Ponty feststellt, „als ein 'mögliches' anderes Sichtbares oder als ein ,Mögliches', sichtbar für einen Anderen [...] – Das Unsichtbare ist da, ohne Objekt zu sein, es ist die reine Transzendenz / ohne ontische Maske. Und die 'sichtbaren Dinge' selbst sind schließlich ebenfalls nur um einen abwesenden Kern herum zentriert.“

Blind vor dem Unsichtbaren, angesichts des Unsichtbaren blind zu sein oder zu erblinden, sein Augenlicht und das Licht des Tages zu verlieren – ist das das Schicksal des Subjekts im allgemeinen? Kreist nicht jedes Subjekt, insofern es Subjekt der Selbsterfindung, d.h. Subjekt der Verantwortung, ist, um diesen Augenblick des Wahnsinns, der das Subjekt zum Subjekt einer blinden Beschleunigung macht, das sich beeilt im Unwägbaren Raum zu gewinnen, indem es Figuren der Sichtbarkeit entwirft? Es gibt Subjektivität nur als Konfrontation mit dem Unsichtbaren. Das „Sehen“ des Unsichtbaren ermöglicht erst so etwas wie Sicht. Anstatt also ein Sehen, Überblick, zur Vorraussetzung seiner Verantwortung und der künstlerischen Hervorbringung zu machen, müsste man versuchen, eine gewisse Unsichtbarkeit, die das Auge des Subjekts blendet, als Bedingung der Möglichkeit ethischer und ästhetischer Subjektivität zu akzeptieren.

Das Unsichtbare ist, was das Subjekt über sich hinweg reißt. Subjekt zu sein, bedeutet zu keinem Zeitpunkt bei sich zu verweilen. Es bedeutet, sich angesichts des Unsichtbaren in der Erfindung neuer Sichtbarkeiten zu beschleunigen. Es verlangt vom Subjekt eine gewisse Unbarmherzigkeit sich selbst gegenüber. Damit Verantwortung möglich ist, muss das Subjekt alle Risiken der Geschwindigkeit, der blinden Überstürzung und kopflosen Beschleunigung auf sich nehmen, um über dem Abgrund seiner elementaren Ohnmacht die Autorität zur Entscheidung zu wagen, die alles andere als selbstverständlich ist.

Das Subjekt ist der Schauplatz eines irreduziblen Widerstreits. Es artikuliert den Konflikt zweier „Prinzipien“: des Transparenten und des Opaken, der lichtvollen Evidenz und ihrer Verdunkelung in der Erfahrung des Unsichtbaren, der Unvorhersehbarkeit der Ereignisse, der Überraschung, des Unbewußten, der Kontingenz. Die Leichtigkeit des Subjekts der Blindheit sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass es Subjekt besonderer Anstrengungen ist. Das Subjekt opfert sein Augenlicht, um Subjekt in einem neuen Sinn zu sein. Es verlässt die bekannten Routen – die Zonen des Lichts und der Sichtbarkeit – um eine Erfahrung zu machen, die, wie jede unroutinierte Erfahrung, eine Überforderung darstellt, insofern sie das blinde Subjekt in Regionen vollendeter Dunkelheit trägt.

2. Einverständnis

„Das Einverständnis mit dem Gegenstand trennt die Literatur vom Journalismus“, sagt Heiner Müller: „Die Voraussetzung für Kunst ist Einverständnis“. Die Einverstandenen wollen mit dem Wirklichen kooperieren, um es zu verändern: „Man kann es überhaupt nicht beeinflussen, wenn man nicht mit ihm einverstanden ist.“ (Zitat Müller) Das Einverständnis ist affirmativ ohne Zustimmung zum Realen zu sein. Es ist Anerkennung, nicht Zustimmung. Anerkennung oder Einverständnis gehen der zustimmenden Gutheißung wie der verneinenden Zurückweisung voraus.

Subjekte des Einverständnisses sind Subjekte einer unwahrscheinlichen Bejahung. Sie sagen Ja zur Wirklichkeit, wie sie ist. Das bedeutet nicht, dass sie alle realen Ereignisse und Prozesse gutheißen. Einverständnis impliziert kein Urteil. Die Einverstandenen riskieren einen Realitätsbezug ohne Wertung. Sie sind einverstanden mit der ursprünglichen Wertlosigkeit des Realen. Denn das Reale ist zunächst nichts als das Maßstablose. Es ist, was jeden Maßstab übersteigt. Das Reale geht seiner Ordnung oder Mässigung in Wertmaßstäben voraus. Es ist das Inkommensurable schlechthin.

Das Einverständnis der Einverstandenen zielt deshalb nicht auf Werte. Es zielt auf das Reale, wie es jenseits seiner Bewertung durch Wertmaßstäbe ist. Das Einverständnis ist eine fundamentalere Bejahung als die Gutheißung. Die Gutheißung beruft sich auf das Gute. Sie hat bereits eine Vorstellung vom Guten. Sie klassifiziert das Reale nach den Kriterien eines Registers. Das Register des Guten, nennt man Moral. Die Moral ist eine Disziplin zur Beurteilung des Realen. Sie unterscheidet das Gute vom Nicht-Guten oder Bösen. Einverstanden mit dem Realen zu sein, bedeutet daher Nichteinverständnis mit der Moral. Die Einverstandenen verteidigen durch ihr Einverständnis das Reale vor der Moral. Nietzsches amor fati ist die Formel eines solchen Einverständnisses. Das Schicksal zu lieben im Sinne Nietzsches, bedeutet nicht schicksalsgläubig zu sein. Im Gegenteil: Nietzsches Schicksalsliebe bekämpft den Schicksalsglauben.

Der Schicksalsglaube nährt sich aus Obskurantismus und Verdunkelung. Die Schicksalsliebe macht aus dem Subjekt dieser Liebe ein Subjekt der Klarheit. Es ist Subjekt des Tages, Subjekt der Selbstdurchleuchtung. Während das Subjekt des Schicksalsglaubens sich seinem Schicksal fügt, ist das Subjekt des Einverständnisses, das Subjekt der Schicksalsliebe, ein Subjekt, das einverstanden ist mit dem „Schicksal“, d.h. mit der Realität, wie sie hier und jetzt ist. Die Schicksalsliebe ist eine weiter gehende und riskantere Bejahung als der Schicksalsglaube, der das Subjekt des Ressentiments und mystischen Paranoia beherrscht. Subjekt des Schicksalsglauben zu sein, bedeutet kaum noch Subjekt zu sein. Es bedeutet, Objekt der Umstände, das heisst Opfer der Geschichte oder dunkler Mächte, zu sein. Das Subjekt des Schicksalsglaubens glaubt an diese Mächte, an die „Macht des Schicksals“. Es ist nicht einverstanden mit seiner Situation. Das Subjekt der Schicksalsliebe liebt das Reale wie ein Schicksal, ohne schicksalsgläubig zu sein. Es ist einverstanden mit seiner Situation und Realität.

Das Einverständnis ist der Anfang, die Bedingung der Möglichkeit jeder effizienten Intervention. Die Gegen-Gemeinschaft zur Gemeinschaft der Einverstandenen ist die Gemeinschaft der Negativen. Die Negativen lieben nicht das „Schicksal“, sie fügen sich, enttäuscht, verzweifelt oder zynisch, in es ein. Die Negativen wie die Enttäuschten sind schicksalsgläubig noch dann, wenn sie Ungläubige, wenn sie „Realisten“ sind. Der Realismus ist ihr Glaube. Ihre Schicksalsgläubigkeit heisst Realitätsgläubigkeit. Es ist der Tatsachen-Obskurantismus von Subjekten, die nur glauben an nichts zu glauben, während ihre Religion in allen ihren Urteilen und Operationen wirkt. Die Realitätsgläubigen sind nicht einverstanden mit der Realität. Sie ziehen aus dieser Uneinigkeit mit dem Realen ihre kritische Potenz. Die Realitätsgläubigen sind kritisch. Sie wollen Wächter des Realen sein. Deshalb gehen sie zu ihm auf „kritische Distanz“. Die realitätsgläubigen Realitätsverächter suchen das „Objektive“. Sie versuchen „objektiv“ zu sein, wie sie sagen. So schwer und so unmöglich es sei. Sie analysieren und zersetzen. Sie lieben, sofern sie lieben können, das Detail. Die Realitätsgläubigen oder Negativen sind wie der letzte Mensch aus Nietzsches Zarathustra, der Mensch, der „alles klein macht“. Sie sind Kleinmacher: „Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird“, sagt Zarathustra: „Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. 'Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?'– so fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

Der Konflikt dieser beiden Haltungen oder Gemeinschaften, der Gemeinschaft der Einverstandenen mit der Gemeinschaft der Negativen, wiederholt sich im Unterschied von Philosophie und Kritik. Philosophie ist eine Liebesbewegung. Philosoph zu sein, bedeutet einverstanden zu sein. Philosophie riskiert eine rückhaltlose und irreversible und deshalb totale Affirmation: Sie erklärt sich einverstanden mit einer gewissen ontologischen Grausamkeit des Realen, um inmitten des Realen eine Praxis der Liebe und Solidarität mit den Opfern dieser Grausamkeit zu sein. Die Kritik kann nur lieblos kritisch sein. Während Philosophie und Kunst nur aus der Liebe sind, was sie sind.

Weit davon entfernt ein Arrangement mit der politischen, sozialen oder ökonomischen Lage zu sein, bedeutet Einverständnis im Sinne Müllers vorallem Zurückweisung der Negativität, des Zynismus, der überhasteten Abstandnahme, die das Werte-Register eines immer moralischen Nihilismus reguliert.
Wie man weiss, ist Nietzsche der Denker dieser allgemein gewordenen Erschöpfung: „Nihilismus [ich zitiere Heidegger] ist jener geschichtliche Vorgang, durch den das 'Übersinnliche'in seiner Herrschaft hinfällig und nichtig wird, so daß das Seiende selbst seinen Wert und Sinn verliert.“ Der europäische Nihilismus ist christlich-platonischer Werte-Nihilismus. Es ist nicht so, dass er keinerlei Werte kennt. Im Gegenteil: Das nihilistische Moral-System ist zunächst ein Werte-System. Es ist ein gewaltiges Archiv von Verboten und Handlungsanweisungen. Ein Speicher, in dem die Werte sich geradezu stauen. Aber die Werte dieses Speichers, die überlieferten Werte, wie man auch sagt, sind Werte, die den Wert der Realität, des Wirklichen, verneinen. Es sind Verneinungs-Werte, die auf der Wertlosigkeit des Welt-Wirklichen und der Subjekte und ihrer Körper, die dieses Wirkliche bevölkern insistieren. Der Werte-Nihilismus insistiert auf der Wertlosigkeit all dessen, was ist. Werte sind Ideen und Ideale. Es gibt sie nur als leere Hülsen. Sie sind Imperative, die das Subjekt des Nihilismus zur Aufgabe seiner Körperlichkeit aufzufordern versuchen. Sie überreden das Subjekt, hier nichts und dort, angesichts der idea tou agathou, der Idee des Guten, wie Plato sagt, oder angesichts Gottes, wirklich zu sein.
Nietzsche bekämpft den Werte-Nihilismus, der wesentlich Werte-Idealismus ist, indem er diese (priesterliche) Überredung zur Nichtigkeit des Subjekts bekämpft. Es geht ihm darum, das Subjekt von neuem aufzurichten. Ein mutiges, wirklichkeitsbeständiges Subjekt zum Stehen zu bringen. Deshalb ist das Anliegen Nietzsches nicht die Destruktion der Werthaftigkeit des Welt-Wirklichen, sondern die Abschaffung des Werte-Nihilismus, der diese Werthaftigkeit untergräbt.
„Das allgemeinste Vorhaben von Nietzsche ist dies: in die Philosophie die Begriffe von Sinn und Wert einzubringen“, sagt Deleuze. Das bedeutet: Nietzsches Philosophie ist ein Denken, das auf den Sinn und den Wert des Wirklichen setzt. Sie tut es, indem sie die idealistischen Verleugnungen dieser Sinn- und Werthaftigkeit als nihilistische Anstrengungen denunziert. Was sich als Sinn- und Wertbehauptung tarnt (die platonisch-christliche Körper-Welt-Verleugnung), ist die wirkungsmächtige Tradition des europäischen Nihilismus, die die Potenzialität des menschlichen Körpers, d.h. das Subjekt als Subjekt einer elementaren Bejahung, des grossen Einverständnisses, verneint.

Der Nihilismus ist die Religion des Negativen, “Religion der Schwäche” , der schlechten Gefühle, der Depression und der Angst. Den Nihilismus bekämpfen bedeutet daher, weniger religiös, angstloser, atheistischer und antichristlicher als der Nihilismus zu sein. Denn die religiöse Angst flieht die Angst der Freiheit, die Angst des verantwortlichen Subjekts, angesichts der Neutralität des Seienden vollständig für sich verantwortlich zu sein. Der atheistische Existentialismus Sartres hat in der Aufnahme zentraler Motive Kierkegaards, Jaspers' und Heideggers (Angst, Freiheit, Wahl, Vereinzelung, Einsamkeit oder Verlassenheit etc.) diese Angst vor der Angst als Merkmal des Nihilismus der Verantwortungslosigkeit markiert: “Die meiste Zeit fliehen wir vor der Angst in die Unaufrichtigkeit.” D.h. wir fliehen die Angst oder den Schwindel der Freiheit in die (erträgliche) Angst vor dieser Angst. Nietzsche versteht unter diesem Nihilismus der Angst die Herrschaft der das Leben und freie Werden beschränkenden Moral. Nihilismus ist jüdisch-christlicher Ressentiment-Nihilismus: Rache am Leben, an der Sinnlichkeit, am Menschen und seiner Korporalität. Es ist die Moral des platonischen Christentums, die die Gegenwart und das Diesseits, den endlichen Menschen und seinen Körper, einer transzendenten und körperlosen Zukunft, dem Jenseits opfert. Deshalb bedeutet jenseits von Gut und Böse zu sein, jenseits des Jenseits (Gut und Böse sind Werte des Jenseits, transzendente Werte, wie man sagt), das heißt in einem verschärften Sinn diesseitig zu sein. Nihilismus meint: Niedrigmachung und Schwächung des Diesseits zugunsten des Jenseits. Der Nihilismus im Sinne Nietzsches ist lebens- und körper- und deshalb menschenfeindlich. Er will, dass der Mensch klein und sündig ist vor Gott und dem Gewissen. Er will den demütigen, schuldigen, gewissengeplagten Menschen. Einen Menschen der Unfreiheit, einen Menschen, der nichts mehr will. Der Nihilismus will, dass der Mensch zu wollen aufhört, dass er aufhöre, ein wollendes Subjekt zu sein. Der Nihilismus will, dass das Subjekt zum Sub-Jekt, d.h. zum Unterworfenen, dass es unterworfen werde. Das Subjekt des Nihilismus ist kein starkes, autonomes, sich selbst vertrauendes Subjekt. Es ist Opfer, es viktimisiert sich. Es erregt Mitleid. Das Subjekt des Nihilismus will nicht mehr wollen müssen, nicht mehr verantwortlich sein. Es will, dass andere für es wollen. Es unterwirft sich dem Stellvertreter-Willen der anderen, um bemitleidenswert und schwach zu erscheinen. Es ist Objekt oder Sub-Jekt absoluter Bedingungen bzw. Determinanten. Anstatt sich selbst und seiner Freiheit zur Selbstbestimmung verpflichtet zu sein, ist das “Subjekt” des Nihilismus ein fremdbestimmtes, unfreies und daher unterworfenes und lügenhaftes Subjekt. Das “Subjekt” des Nihilismus ist das Subjekt des Gehorsams. Es ist ein schwaches und schwach gehaltenes “Subjekt”. Ein Subjekt, das nicht zögert, aus seiner Schwäche eine Tugend zu machen, seine eigentliche Qualität. Der Nihilismus will, dass das Subjekt seine Schwäche, seine Verletzbarkeit und Ohnmacht will. Er will, dass es sich selbst in seiner willenlosen Nichtigkeit, dass es sich selbst als Nichts will. Deshalb macht der Nihilismus aus der Nichtigkeit und Schwäche die hervorragende menschliche Eigenschaft. Nicht eine Eigenschaft unter anderen, sondern die alles beherrschende ontologische Qualität. Fragt man den Nihilismus, was der Mensch sei, antwortet er: Nichts! Das Nichts als Wesensmerkmal des Menschen zu bestätigen, ist, was der Nihilismus unaufhörlich praktiziert. Der Nihilismus ist ein Untergangsphänomen. Er ist eine Décadence-Bewegung. Er will, dass der Wille zum Nichts das Glaubensbekenntnis des Menschen sei. Der Nihilismus verbindet sich mit dem Mitleid. Er sagt, dass der Mensch als Mensch, sofern er nichts ist, bemitleidenswürdig sei: “Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. [...] Mitleiden überredet zum Nichts!” Die Ethik des Nihilismus versteht sich deshalb als (wesentlich christliche) Mitleidsethik. Sie ist Ethik der Schwäche und der Schwachen. Sie besteht darauf, den Menschen am Maßstab des Leidens und seiner (asketischen) Leidensfähigkeit zu messen. Sie denkt nicht daran, dass er fähig ist zum Glück. Die nihilistische Leidensethik weigert sich, dem Subjekt auf der Höhe seiner Stärke zu begegnen. Sie berührt das Subjekt an seiner schwachen Stelle. Sie besteht darauf, dass die Schwäche sein Wesen sei.

Die nihilistische Ethik ist die Ethik der Depressiven, derer, die das Leben als Unglück erleben, die ohne Hoffnung und Zuversicht sind. Die einzige Hoffnung des Depressiven ist das Nach-dem-Leben. Der Depressive hofft auf den Tod und sein Danach. Deshalb ist die Hoffnung des Depressiven eine Art religiöser Selbstrost. Sie lähmt das Subjekt im Diesseits, um es für sein Jenseits zu engagieren. Das depressive nihilistische Subjekt beginnt an sich selbst wie an ein Nichts zu glauben. Es feiert seine Unzulänglichkeit und Ohnmacht, es schließt sich in der eigenen Nichtigkeit ein. Der Nihilist scheitert am Leben und seiner Unberechenbarkeit. Es gelingt ihm nicht, wie Simone de Beauvoir im Geist des hegelianisierten Existenzialismus sagt, die Synthese des “An-sich” und des “Für-sich” zu realisieren. Daher will er sich “von seiner Subjektivität befreien”: “Im Bewusstsein, nichts sein zu können, beschließt nun der Mensch, nichts zu sein: diese Haltung wollen wir als nihilistisch bezeichnen. Der Nihilist steht dem Geist der Ernsthaftigkeit nahe, denn anstatt seine Negativität als lebendige Bewegung zu verwirklichen, fasst er seine Vernichtung als etwas Substanzielles auf: er will nichts sein, und dieses Nichts, von dem er träumt, ist doch noch ein Sein, nämlich genau die Hegelsche Antithese des Seins, eine starre Gegebenheit. Der Nihilismus ist die betrogene Ernsthaftigkeit, die sich sich selbst zuwendet.” Der Nihilist träumt von der Bewegungslosigkeit, von der Unterbrechung des Werdens (im Begriff). Er träumt davon, die Kontingenz der Gegenwart und die Unberechenbarkeit der Zukunft kontrollierbar zu machen, vor dem Unerwarteten geschützt zu sein. Daher ist das nihilistische Subjekt ein Subjekt herbeigewünschter Ruhe. Es ist Subjekt einer imaginären oder phantasmatischen Ruhigstellung. Es will die Unschuld des Werdens und die eigene Freiheit angesichts dieser Unschuld neutralisieren: “Auf jeden Fall handelt es sich stets um Menschen, die sich der Unruhe ihrer Freiheit dadurch entledigen wollen, dass sie die Welt und sich selbst leugnen.”

Das nihilistische Subjekt ist ein Subjekt der Welt- und Selbstverleugnung. Die Energie, die ihm bleibt, investiert es in die Feier des eigenen Untergangs. Es kitzelt an seiner Sterblichkeit, indem es lebend sein Leben als beschleunigtes Sterben inszeniert. Das nihilistische Subjekt ist das Subjekt des Theaters, der Zurschaustellung seines schlechten Gewissens und der narzisstischen Hysterie. Nichts bereitet ihm größere Genugtuung als die Publikation seiner selbst als Nichts: “Das schlechte Gewissen“, sagt Deleuze, „ist wesentlich heuchlerisch und Schauspielerei.”

Leben bedeutet für das Subjekt des Nihilismus, an sich selbst unter Aufsicht anderer zu verzweifeln. Seine Nichtswürdigkeit als singuläres Opfer zu zelebrieren. Was das Subjekt des Nihilismus opfert, ist das Leben, seine Konflikte und die Chancen des Glücks, die der Nihilist durch paranoiden Obskurantismus substituiert.

3. Konflikt

„Ich glaube an Konflikt“, sagt Heiner Müller, „Sonst glaube ich an nichts. Das versuche ich in meiner Arbeit zu tun: Das Bewußtsein für Konflikte zu stärken, für Konfrontationen und Widersprüche. Einen anderen Weg gibt es nicht.“

Das Subjekt der Selbstkonstitution, der Freiheit und emanzipatorischen Selbsterhebung ist Subjekt irreduzibler Konflikte. Es erfährt sich selbst als Konflikt. Es gibt so etwas wie ein Subjekt nur als Grenzfall des ontologischen Selbstbewußtseins, als Kollaps der Selbstevidenz der überlieferten cartesischen, phänomenologischen, oder hermeneutischen Bewußtseinsvorstellung. Als Subjekt der Selbsterhebung beginnt es sich inmitten der Geschichte, inmitten der Spezifizität eines historischen, politischen, ökonomischen, kulturellen Zusammenhangs aufzurichten. Es beginnt gegen das ihm nur Äusserliche, gegen das, was ihm nur äusserlich ist ohne den Wert eines wesentlichen Aussen, einer ihm zugehörigen Alterität, zu haben, zu kämpfen. Es bekämpft in dieser Selbstbekämpfung alles das, was aus ihm ein Objekt, Produkt fremder Willensäusserungen, faktischer Determinationen macht. Deshalb ist die Selbstaufrichtung des Subjekts gegen sich selbst zunächst mit der Relativierung, Einschränkung oder Neutralisierung seiner objektiven Anteile verbunden.

Das Subjekt der Selbstaufrichtung hört nicht auf sich gegen seine Reduktion auf seinen nackten Objektstatus zu wehren. Es verteidigt sich gegen die Dingwerdung oder Verdinglichung seines Seins durch die Bewegungen, die Sinn- und Wertstiftungen der Geschichte. Es muss sich von dieser Geschichte lösen ohne den allgemeinen Geschichtsraum, dem es zwingend angehört, verlassen zu können. Das Subjekt ist daher Subjekt eines wesentlichen Widerspruchs, einer, wenn man so will, irreduziblen Paradoxie. Die Frage, wie man ein Subjekt wird, das Problem der Selbstkonstitution eines Subjekts faktischer Selbstlosigkeit, insofern es das Thema der konstituierenden Macht, der Konstruktion einer neuen ontologischen, politischen und sozialen Ordnung berührt – die Möglichkeit, einer wie Toni Negri sagt Ontologie der Selbstbefreiung – artikuliert sich im Raum dieser Paradoxie, in der Dimension des unaufhebbaren Widerspruchs, der das Subjekt absoluter Freiheit von sich als Subjekt objektiver Ohnmacht trennt.

Das Subjekt der irreduziblen Nicht-Vermittelbarkeit von Freiheit und Nichtfreiheit macht die Erfahrung der Selbstenfremdung. Es muss sich von sich – davon, was sein Selbst war oder gewesen sein soll – entfremden, um näher bei sich selbst zu sein. Es macht die Erfahrung der Selbstgewinnung durch Selbstentfremdung, ohne dass diese Erfahrung ihm die Stabilität einer Wesensbestimmung erschlösse. Das Subjekt bleibt Subjekt der Veränderung, des Werdens, eines gewissen Geschehens, eines Ereignisses, einer immer auch verstörenden Mutation.

Es ist Mutanten-Subjekt, Subjekt von Mutationen, die aus ihm etwas Neues zu machen scheinen, indem sie es zum Gegenstand, zum Objekt, einer gewissen "Ent-subjektivierung" machen. Michel Foucault betont dies unter anderem bei Maurice Blanchot zu sehen. Die Erfahrung "bei Nietzsche, Blanchot, Bataille" diene dazu, "das Subjekt von sich selbst loszureissen, derart, daß es nicht mehr es selbst ist oder daß es zu seiner Vernichtung oder zu seiner Auflösung getrieben wird". Es ist Subjekt – wenn man es weiterhin ein Subjekt nennen will – einer "Grenzerfahrung", die darin besteht "an einen bestimmten Punkt des Lebens zu gelangen, der dem Nicht-lebbaren so nahe wie möglich kommt.“

Das Subjekt der Selbst-Losreissung ist zunächst - in der Beschreibung Foucaults - Subjekt des Schreibens, Subjekt einer gewissen Produktion, der Produktion von Texten und Büchern, der Hervorbringung von Sinn. Es ist dies als Subjekt einer Erfahrung des Nicht-Sinns, die es als Subjekt an die Grenze seines Subjekt-Seins trägt. Das Subjekt beginnt an diesem "Punkt des Lebens" mit dem "Nicht-Lebbaren" zu kommunizieren, das nichts als sein eigener (ebenso notwendiger wie unmöglicher) Tod ist, zumindest solange wir im Horizont dieser verstörenden Verständigung von Tod und Leben auf der Kategorie des "Eigenen" (oder mit Heidegger der "Jemeinigkeit") bestehen.

Die Erfahrung der eigenen Grenze zu machen, bedeutet also zunächst Subjekt der Erfahrung der Unmöglichkeit des "Eigenen" (und damit von „Subjektivität“) zu sein, ohne dass diese Erfahrung schon eine Nicht-Erfahrung, schon selbst eine Unmöglichkeit wäre. Eher ist es so, dass Erfahrung, statt in Nicht-Erfahrung umzuschlagen, als solche Nicht-Erfahrung, Erfahrung des Nicht, der Unmöglichkeit (Unmöglichkeit zuletzt der Erfahrung selbst) sein muss. Erfahrung scheint als Erfahrung das Ereignis ihrer eigenen Unmöglichkeit zu implizieren. Sie treibt das Subjekt der Erfahrung in den Bereich der Nicht-Erfahrung und der Unmöglichkeit selber. Eine Erfahrung verdient nur dann den Titel "Erfahrung", insofern sie sich im Subjekt dieser Erfahrung zu widersprechen, aufzulösen und zu neutralisieren beginnt.

Manchmal ist es besser für das Subjekt – das philosophische oder literarische Subjekt, das Subjekt des Schreibens und der Schrift –, unterzutauchen, unsichtbar zu werden, nicht aus Gründen des Selbstschutzes, der Feigheit oder der Resignation, eher um plötzlicher und unvermittelter, d.h. gewaltsamer wieder aufzutauchen, um ein unerwartetes Ereignis zu produzieren.
Die Selbstkonstitution des Selbst oder des Subjekts ist ein kriegerischer, ein notwendig gewaltsamer Akt. Das Selbst unterbricht sich selbst, sein “symbolisches”, offizielles und anerkanntes Selbst. Es verliert sich als Subjekt für den Moment der Neuerfindung seines Selbst. Es durchquert die Zone der Unbestimmtheit, eine Dimension jenseits von Wissen und Macht. Aber diese Durchquerung ist deshalb nicht selbst gewalt- und machtlos. Sie ist gewaltsam in einem präcodierten Sinn. Sie impliziert das Opfer des codierten Selbst und sie opfert zugleich das “Wissen” um seine Zukunft. Das Selbst wirft sich seinem unbekannten Schattenriß entgegen, es verausgabt sich im Moment einer destruktiven Autokonstitution. Es entwirft, indem es einen Selbstentwurf leistet, neue, unbekannte Weisen zu sein. Es produziert ungeahnte Seins-, Selbst- und Lebensweisen. Es erschafft sich neu. Es riskiert die Ungehemmtheit des reinen Werdens. Es erfindet dunkle Modalitäten des Widerstands, der Selbstaufrichtung und Präsenz. Es praktiziert einen neuen Begriff der Kriegsführung. Es bringt, indem es sich selbst hervorbringt, einen eigenen Typus der Widerständigkeit, eine eigene Kriegskunst, einen eigenen Stil, eine eigene Form der Präsenz und ihrer Bejahung hervor.

4. Subjekt-Werdung

Erlauben Sie mir Ihnen zwei Textstellen aus Rotwelsch in Erinnerung zu rufen, in denen vom „Hauptinteresse“ des Schriftstellers und von der „Aufgabe der Dichtung“ die Rede ist. Die erste entstammt dem Gespräch mit Sylvère Lothringer, dass Mauern betitelt ist. „Ich bin immer ein Objekt von Geschichte gewesen“, sagt Müller, „und versuche deshalb, ein Subjekt zu werden. Das ist mein Hauptinteresse als Schriftsteller.“ Im frühen Text zu Günter Grass Die Kröte auf dem Gasometer heisst es, dass die „Aufgabe der Dichtung“ die „Verteidigung des Menschen gegen seine Verwurstung und Verdinglichung“ bleibt.

Was ist ein Subjekt? Subjekt ist, was sich auf seinen Objekt-Status nicht reduzieren lässt, was sich der Verdinglichung durch die historischen, politischen, ökonomischen, kulturellen Umstände widersetzt. Das Subjekt ist deshalb immer Subjekt eines gewissen Widerstands, der Selbsterhebung angesichts dessen, was diese Erhebung erschwert oder verhindert. Es ist Subjekt, insofern es versucht, Subjekt zu sein und zu werden, Subjekt der Subjekt-Werdung, selbstaffirmatives Subjekt. Subjekt ist, was sich als Subjekt bejaht.

Es bejaht seine Freiheit zur Entscheidung und die Verantwortung, die sie mit sich bringt. Das affirmative Subjekt will frei und verantwortlich für seine Handlungen und Entscheidungen sein. Es macht sich frei für seine Freiheit, statt sich in seine faktische Ohnmacht und Unfreiheit zurückzuziehen. Das affirmative Subjekt tritt nicht zurück, es tritt hervor. Es bejaht sich als Autorität von Handlungen, die es nie ganz kontrolliert. Es übernimmt Verantwortung für den Risikowert von Handlung, der in ihrer letztgültigen Unberechenbarkeit liegt. Es gibt Verantwortung nur angesichts des Unberechenbaren. Wären Entscheidungen und Handlungen restlos kalkulierbar, bedürfte es keiner Verantwortung und nicht einmal eines Subjekts.

Das Subjekt ist Autorität im Unberechenbaren. Es ergreift sich als Autorität inmitten der Kontingenz. Es beginnt in dieser Ergreifung von sich allein abzuhängen, wie Nietzsche sagt. Es ist Subjekt einer elementaren, selbstverantworteten Improvisation. Improvisieren bedeutet, sich selbst als autonomes Subjekt affirmieren. Autonomie ist Selbstgesetzgebung. In der Improvisation bestätigt sich das Subjekt als eigene, d.h. selbstbestimmte Autorität. Improvisieren heißt, alle Risiken der Freiheit der Selbstbestimmung zu riskieren. Das Subjekt improvisiert, indem es die Gesetze, die nicht seine eigenen sind, suspendiert. Autonomie heißt nicht, von nichts abzuhängen als von sich. Das Subjekt als autonomes Subjekt ist notwendig heteronom. Es bleibt zu einem gewissen Grad fremdbestimmt. Aber die Heteronomie verhindert nicht, dass das Subjekt seine Freiheit zur Selbstbestimmung affirmiert. Es gibt für das Subjekt als Subjekt diesen irreduziblen Rest an Freiheit, der es ihm ermöglicht, sich selbst als Agent seiner Entscheidungen zu affirmieren. Als determiniertes, kontextuales und situatives Subjekt bleibt dem Subjekt die Freiheit, sich über seine Fremdbestimmung hinwegzusetzen. In genau dem Moment, in dem es sich als Autor dieser letzten Freiheit bejaht: der Freiheit, es selbst zu sein, das die Objektivation oder Verdinglichung seiner selbst durch die Umstände erträgt.

Noch in der äußersten Passivität und Fremdbestimmung erfährt das Subjekt an sich die Freiheit, sein (absolutes) Selbst als Gegenstand einer objektiven Gefangenschaft zu realisieren. Deshalb ist das heteronome Selbst schon Selbst der Selbstbestimmung. Es erfährt die Heteronomie als Appell zur Selbstbefreiung. Es durchbricht, indem es seine mögliche Autonomie bejaht, sein passives Selbst auf die irreduzible Freiheit, die ihm einen aktiven Selbstwert garantiert. Das Selbst ist nur Selbst im Akt dieser Durchbrechung oder Subjekt-Werdung. Es manifestiert sich im Moment der Freiheit zur Freiheit als Autorität dieser Freiheit, d.h. als verantwortliches, als sich verantwortendes Subjekt.

Das Subjekt der Verantwortung ist hyperbolisches Subjekt. Es ist Subjekt der Selbstbeschleunigung und Übertreibung. Nietzsche nennt die Selbstüberwindung seine wesentliche Eigenschaft. Verantwortung ist nur als Selbstüberwindung denkbar: das Subjekt greift über sich hinaus. Das Hinausgreifen über sich konstituiert sein Selbst. Verantwortung ist Selbst-Verantwortung. Sie ist niemals anonym. Verantwortlich zu sein bedeutet, unendlich belastbar zu sein, sich selbst zu überfordern, um Subjekt der Verantwortung zu sein. Es gibt Verantwortung nur als überschüssiges Ereignis und als Exzess. Das Subjekt überschreitet sich und seine Grenzen, um sich im hyperbolischen Wirbel der Freiheit zu riskieren. Denn jede Verantwortung richtet sich an seine Freiheit. Die Freiheit ist ihre einzige Autorität. Das Subjekt übernimmt Verantwortung angesichts seiner und für seine Freiheit zur Verantwortung. Es verpflichtet sich vor sich selbst. Die Selbstverpflichtung impliziert ein gewisses Maß an Autorisierung. Das Subjekt der Verantwortung autorisiert sich, frei und verantwortlich zu sein. Verantwortung ist eine Errungenschaft. Sie ist kein Diktat Gottes. Sie folgt nicht dem Appell des Gewissens. Sie überschreitet Gott und das Gewissen, die Moral und die Theologie, um nur sich selbst gegenüber verantwortlich zu sein. Das verantwortliche Subjekt ist autoaffektiv: Es fordert von sich, verantwortlich zu sein. Es biegt seine Freiheit und Verantwortlichkeit, den Willen zur Freiheit und die Gewalt der Verantwortung auf sich zurück. Es insistiert auf sich als auf der Autorität der Freiheit zur Entscheidung. Es bezieht sich auf ein irreduzibles Freiheitsmoment, das aus ihm ein Subjekt macht. Ein hyperbolisches Subjekt: insofern seine Freiheit immer unendlich ist (“die Philosophie will das Unendliche retten”, sagen Guattari und Deleuze). Und dennoch gilt für das sich vor sich verantwortende Subjekt, was Sartre in Was ist Literatur? vom Autor (Agent oder Subjekt im Allgemeinen) sagt, dass er sich “an die Freiheit der Leser” wendet. Er wendet sich an sich als freies Subjekt, indem er an die Freiheit des anderen Subjekts als Bedingung der Möglichkeit seiner Verantwortung gegenüber meiner Freiheit zur reinen Selbstverantwortlichkeit appelliert.

Freiheit ist nur als unendliche denkbar. Freiheit ist atomare Freiheit, sie ist unteilbar, total und absolut. Aber das Subjekt ist frei in Situationen. Im Hier-und-Jetzt. Es ist situatives, in Kontexte eingespanntes Subjekt. Dieses Eingespanntsein macht es nicht weniger frei. Sartre: “Es gibt keinerlei Unterschied zwischen in freier Weise sein, als Entwurf sein, als Existenz, die ihr Wesen wählt, und absolut sein; es gibt keinerlei Unterschied zwischen ein zeitweilig lokalisiertes Absolutes sein, das heißt, ein Absolutes, das sich in der Geschichte hat, und allgemein verstehbar sein.” Das “Absolute der Wahl beseitigt nicht die Relativität einer Epoche.” Und: Das Subjekt ist diesseitig, ohne deshalb weniger unendlich zu sein. Seine Freiheit macht aus ihm ein unendliches Subjekt.
Unendlich heisst:
1. unendlich verantwortlich für seine Entscheidungen und sein Handeln,
2. unendlich frei. Indem Sartre sagt, der Mensch sei dazu verurteilt, frei zu sein, sagt er: Der Mensch ist dazu verurteilt unendlich zu sein.
Unendlich sein heißt nicht unsterblich sein. Im Gegenteil: die Unendlichkeit des Subjekts ist nur für es als endliches (sterbliches) Subjekt denkbar. Das Subjekt als Subjekt muss endliches, situatives Subjekt sein, um unendlich verantwortliches und unendlich freies Selbst sein zu können. Der Wille zur Verantwortung ist Wille zu dieser Unendlichkeit, Wille zur Ewigkeit. Ewigkeit ist kein religiöser Begriff. Ewig zu sein bedeutet, weder unsterblich noch alles überschauend zu sein. Die Ewigkeit oder Unendlichkeit des Subjekts meint nicht die einfache Überschreitung seiner raum-zeitlichen Situation. Mitten in dieser Situation unendlich zu sein, das nennt Nietzsche den Willen zur Macht. Der Wille zur Macht ist daher, als Wille zur Verantwortung und Freiheit gedacht, ein Hyperbolismus. Er überreizt das Subjekt, sprengt es auf. Das ständige Aufgesprengtsein nennt Nietzsche Werden. Das Subjekt sprengt sich selbst auf (Nietzsche sagte von sich, man weiß es, er sei Dynamit). Werden bedeutet auch Aushalten. Als Prinzip der Mitmenschlichkeit gedacht (Zitat Nietzsche): “Meine Humanität besteht nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, dass ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung.”

Das Subjekt der Selbstüberwindung erfährt sich ALS SCHAUPLATZ IRREDUZIBLER KONFLIKTE. Es ist ein Subjekt, das sich mitten in seiner faktischen Ohnmacht als Subjekt eines absoluten Willens und kompromisslosen Begehrens aufrichtet. Es ist Subjekt aggressiver Selbsterhebung angesichts der Gefahr der Verdinglichung und Entmächtigung: Ein Subjekt, das sich weigert OPFER der Umstände, der Geschichte, der Systeme zu sein.

Das Subjekt dieser verschwenderischen Freiheit und Selbstautorisierung wendet sich gegen den KULT DER OHNMACHT, der SCHWÄCHE, der DEPRESSION und VIKTIMISIERUNG. Es widerspricht den Ethiken der LARMOYANZ, der SENTIMENTALITÄT und SELBSTVERLEUGNUNG. Es bekämpft RESSENTIMENT und NARZISSMUS, die Dikatur der Moral, des Gewissens, der verordneten Unlust oder nihilistischen Indifferenz. Dagegen verteidigt es SELBSTBEWUßTSEIN, EMANZIPATION und eine gewisse STÄRKE: den MUT ZUR SELBSTKONSTITUTION, das ABENTEUER DER FREIHEIT und das WAGNIS, GLÜCKLICH ZU SEIN.

Marcus Steinweg hielt diesen Vortrag am 10. Januar 2004 im Rahmen der Veranstaltung "Heiner Müller 75. Explosion of A Memory" in der Akademie der Künste, Berlin.

© New York Post[1]

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